OOMPH! – Ritual (CD-Kritik)

OOMPH!

Mit einer sich über drei Dekaden streckenden Bandhistorie hat sich so manche Gruppierung schon irgendwann in Selbstwiederholung oder Zahnlosigkeit verloren. Weder das eine noch das andere kann man OOMPH! vorwerfen, denn die drei Herren Dero, Crap und Flux wussten schon immer, ihre Musik frisch, spaßig und abwechslungsreich zu halten. Dennoch ist „Ritual“ an vielen Punkten eine Rückbesinnung auf die Zeit, in der die Braunschweiger Combo fast beiläufig ein eigenes Subgenre aus dem Ärmel schüttelte – die NDH. Während die musikalischen Reminiszenzen an vergangene Jahrzehnte zwar nicht zu leugnen sind, bleiben OOMPH! inhaltlich wie gewohnt am Puls der Zeit.

Schon der erste Song, die Single „Tausend Mann und ein Befehl“, eine kraftvolle Anti-Krieg-Hymne, die mit einem absoluten Ohrwurm-Refrain aufwarten kann. Solche Songs beherrscht OOMPH! wie aus dem Effeff. Eine ganze Spur düsterer wird es auf „Achtung! Achtung!“, eine Nummer im Stil von Songs wie „Wenn du weinst“ – bedrohlich in den Verses und melodiös in den Hooks. Harte Riffs paaren sich mit Deros Stimme, die sich direkt in die Ohren des Hörers schleicht. Sehr geil.

Dann wird die Uhr endgültig um 20 Jahre zurückgedreht: „Kein Liebeslied“ bietet beißende Gitarren im „Unrein“-Stil mit gebrülltem Refrain, der ordentlich brettert. Zügig, böse und mit bissigem Text kommt die erste Single aus dem dreizehnten Studioalbum der Band daher. Nachdem „Gekreuzigt 2006“ eher weniger Zuspruch fand, funktioniert die Modernisierung des 90er-Sounds der Band hier tadellos. Auch „Trümmerkinder“ kommt im Ur-NDH-Stil daher, gepaart mit Anspielungen auf die DDR-Hymne und einem Lindemann-esque gerufenem „JA!“ am Ende der ersten Strophe. Begleitet wird der Drumbeat mit dem Klang einer marschierenden Menge.

Es bleibt tiefschwarz: Mit einer Gastbeteiligung des einzig wahren Chris Harms (LOTL) wird der ausblutende Leichnam von „Europa“ besungen – voller Allegorien und Seitenhiebe auf aktuelle politische Probleme, die für einige das langsame Ende der Union ankündigen. So heißt es auch im Refrain: „Europa – stirb langsam!“ Der Bezug auf brisante Ereignisse ist in dieser dystopischen Antwort auf die Flüchtlingskrise, den wachsenden Erfolg populistischer Politik und dem immer größer werdenden Bedürfnis vieler Bürger, sich von der Gemeinschaft loszulösen, nicht zu übersehen. Auch „Im Namen des Vaters“ lässt viele Interpretationswege offen. Ich sehe in dem Text zum Beispiel einen Kommentar auf aktuelle Entwicklungen in der Genforschung, die es mittlerweile ermöglicht, mithilfe von Befruchtungen im Reagenzglas das ideale Kind herzustellen. Gleichzeitig kann man in dem Uptempo-Brecher auch eine Kritik an der Meinungsmache im 21. Jahrhundert lesen, wo sich viele ihre Meinung vorquatschen lassen und nicht mehr selbst reflektieren, sondern nur Klone ihrer Anführer werden. Dass der Song darüber hinaus noch ordentlich zum Mitpogen einlädt, macht ihn nur noch interessanter.

„Das Schweigen der Lämmer“ hat mich überrascht. Ich erwartete bei dem Songtitel eher eine Filmreferenz im Stile von Songs wie „Mein Schatz“ oder „Das letzte Streichholz“. In der unfassbar dunklen Nummer geht es aber um etwas, das so viel tiefer geht als eine bloße Anspielung auf Herrn Dr. Lecter. Hört euch den Song selbst an, er wird euch gleichzeitig beeindrucken und bedrücken. Dass das Thema, welches der Song behandelt, nach wie vor leider traurige Realität ist und nicht an Brisanz verliert, zeigt auch der aktuelle Erfolg des polnischen Films „Kler“, der trotz der sehr katholischen Prägung seines Produktionslandes einer der erfolgreichsten polnischen Filmproduktionen überhaupt ist.

Der Blick auf die momentane Weltlage zieht sich als roter Faden durch „Ritual“: Auch auf dem sehr elektronisch angereicherten „TRRR – FCKN – HTLR“ geht es um ein akutes soziales Phänomen: Den Schlagzeilenkult und die blinde Skandalgeilheit einer Gesellschaft, die fast nur noch Headlines liest, während die Medienlandschaft sich bei der Antwort auf die Frage „Inhalt oder Quote?“ häufiger mal danebengreift.

Weiter geht es mit „Phoenix aus der Asche“, eine recht coole Nummer mit schwerem Beat und klassischem OOMPH!-Sound, wie ihn die Fans von Alben wie „GlaubeLiebeTod“ sehr zu schätzen wissen werden. Darüber hinaus gibt es im C-Teil ein Solo, das zwar nicht bahn- brechend ist, sich aber gut in den episch-cineastischen Soundteppich einwebt. Danach gibt es mit „Lass die Beute frei“ einen sehr guten Mosher, der ziemlich Bock macht und ordentlich zum headbangen einlädt. Das knallt gewaltig und wird hoffentlich zukünftig zu einer Instanz der Konzert-Setlist auserkoren. Die Bridge bockt und klingt einfach nur ziemlich geil („Hey, endlich ist wieder Jagdzeit“ – verdammt, von diesem Song hatte ich nach dem ersten Hören von „Ritual“ den wohl penetrantesten Ohrwurm), die Gitarren hämmern und die Drums scheppern, was das Zeug hält. Darüber hinaus haut Dero ein paar wirklich krasse Growls auf dieses extrem explosive Brett von einem Song. Ich freue mich jetzt schon darauf, diesen Song auf der Tour im März aus voller Kehle mitzugröhlen. Dieser Song ist kein Crowdpleaser, denn das Publikum wird hier nicht nur befriedigt, sondern zu multiplen Orgasmen getrieben. Hell yeah!

Der Übergang zum Grande Finale des Albums erfolgt ziemlich abrupt. „Seine Seele“ startet sofort düster und langsam in die erste Strophe, und die pechschwarze Powerballade mischt im schleppenden Rhythmus bedrückende Inhalte zwischen Missbrauch und Mord mit irgendwie daneben klingenden Piano-Klängen, die ein unheimliches Gefühl im Hörer aufkommen lassen. Und – irre ich mich, oder hört man etwa hier und da, wie das Geräusch von aneinander schabenden Messerklingen ins Instrumental eingebaut werden? „Ritual“ endet also mit einem trostlos-düsteren Song über Brutalitäten und das Ausweiden des eigenen Peinigers, und lässt den Fan mit einem letzten Akt zurück, nach welchem selbiger erst einmal zwei, drei Minuten durchatmen muss.

Fazit: „Ritual“ ist ein durchgängig wirklich sehr gutes Album, das alles hat, was das schwarze Herz begehrt: Harte Riffs, Songs zum Abfeiern, aber auch Nummern, die dem Hörer einiges abverlangen. Die Atmosphäre, die Eingängigkeit, die Sozialkritik – all diese Aspekte haben OOMPH! im Laufe ihrer Karriere immer weiter perfektioniert. Dies gipfelt nun in diesem Werk, welches von Energie strotzt und ein Beweis dafür ist, dass das teuflische Trio auch nach dreißig Jahren noch einiges zu sagen hat und nach wie vor fantastische Songs hervorbringen kann. Ich bin durch und durch überzeugt von dieser Platte und bin überzeugt, dass wir hier innerhalb von nur drei Wochen schon den ersten Kandidaten für die Jahresendlisten haben. Riesigen Respekt an OOMPH! für dieses Album! Meine persönlichen Highlights: „Tausend Mann und ein Befehl“, „Lass die Beute frei“ und „Das Schweigen der Lämmer“. Aber wirklich: Füllersongs sucht man hier vergeblich. Jeder Song kann begeistern.

Tracklist:

01 Tausend Mann und ein Befehl
02 Achtung! Achtung!
03 Kein Liebeslied
04 Trümmerkinder
05 Europa (feat. Chris Harms)
06 Im Namen des Vaters
07 Das Schweigen der Lämmer
08 TRRR – FCKN – HTLER
09 Phönix aus der Asche
10 Lass die Beute frei
11 Seine Seele

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VÖ: 18. Januar 2019
Genre: Rock/NDH/Crossover
Label: Napalm Records

OOMPH! – Deutschland Termine 2019
+ Support: NERVENBEISSER

01.03.2019 Capitol Hannover, Hannover
02.03.2019 Astra, Berlin
03.03.2019 Markthalle, Hamburg
05.03.2019 Zeche, Bochum
06.03.2019 Schlachthof, Wiesbaden
08.03.2019 Im Wizemann, Stuttgart
09.03.2019 Backstage, München
10.03.2019 Kraftwerk Mitte, Dresden
12.03.2019 Täubchenthal, Leipzig
13.03.2019 Der Hirsch, Nürnberg
15.03.2019 Live Music Hall, Köln

Tickets können bei allen bekannten VVK-Stellen sowie über Eventim geordert werden.

OOMPH! im Web:

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