LINDEMANN – Mathematik (MCD-Kritik)

LINDEMANN

Mittwoch, am 19. Dezember 2018, hinkte ich schlaftrunken aus meinem Bett und hing mein schlaffes Gesicht erstmal über die obligatorische Tasse schwarzen Kaffees, mit der ich mich jeden Tag dafür belohne, dass ich den Weg aus meinem Schlafgemach in die Küche auf mich genommen habe. Bei dem rituellen Blick aufs Telefon, um zu schauen, ob die Welt noch einigermaßen in Ordnung ist (Spoiler: ist sie nicht), haute es mich förmlich von den schwarzen Kuschelsocken:

Till Lindemann, der breitgebaute, brillante Rammstein-Brummer und -Brüller, hatte einen neuen Song veröffentlicht. Damit war zwar zu rechnen, schließlich wirkte er mit seinem Solo- projekt LINDEMANN Anfang des Jahres am Theaterstück „Hänsel und Gretel“ des Hamburger Thalia-Theaters mit, in dessen Rahmen einige neue (und auch ziemlich gute) Songs entstanden waren, die im April 2019 auf einem neuen Album der Band veröffentlicht werden sollten. Bei diesem neuen Song mit dem Titel „Mathematik“ handelt es sich aber um nichts, was mit diesem Bühnenstück zu tun hat.

Was gibt es stattdessen? Vor allem eins: Ficki-Ficki-Lyrics, einen rappenden (!) Lindemann, und Haftbefehl. Wer von euch bisher noch nichts von Letzterem gehört hat: Der mit bürger- lichem Namen Aykut Anhan heißende Offenbacher Rapper erfuhr im Jahre 2013 große Popularität mit seiner Single „Chabos wissen wer der Babo ist“. Er ist einer dieser Musiker, den man entweder scheiße oder genial findet. In den Unweiten des Internets liest man sowohl Lob für seine Einzigartigkeit im Umgang mit Stimme, Flow (zum Verständnis: das ist das, was Lindemann auf diesem Song eher nicht hat), und Text, als auch Kommentare, die ihn als einen der schlechtesten deutschen Rapper überhaupt bezeichnen.

Es ist zwar immer noch absurd, dass ausgerechnet ein Haftbefehl von Till Lindemann ins Studio gebeten wird – andererseits, welcher andere Hip Hop-Musiker, der dem modernen Klangbild der Trap-Welle folgt, wäre für so eine Kollaboration denkbar gewesen? Capital Bra hätte von Lindemann wahrscheinlich während der Arbeit am Song eine reingezimmert be- kommen, und ehemaliger Lindemann-Kumpel Fler ist womöglich immer noch etwas unzufrieden damit, dass das Management von Rammstein den Verkauf eines Sweaters seiner Modemarke Maskulin mit Rammstein-Motiv stoppte, obwohl die Band selbst die Erlaubnis für die Nutzung des Motivs gegeben hatte.

Also, Chabos wissen, wer wartet mit Besonnenheit. Und jetzt haben wir hier also „Mathe- matik“, einen Song, der mit düster-verstörendem Beat daherkommt, und auf den Lindemann mit einer Selbstsicherheit und bedrohlicher Dunkelheit in der Stimme seinen wohl bisher schlechtesten deutschen Songtext drückt – Für seinen schlechtesten Songtext überhaupt reicht es nicht ganz, dafür qualifiziert sich eher der ein oder andere Song von „Skills In Pills“ qualifizieren. Till Lindemann rappt, und er tut es offensichtlich etwas irritiert davon, dass er seine Worte jetzt irgendwie auf diesen Beat drücken muss. „Ich wollte nie zur Schule gehen“, heißt es da, und „Geometrie und diese Quotienten sind doch später total scheißegal“. Inhaltlich kann ich mich da durchaus mit identifizieren, aber von dem Mann, der sonst Lyrics wie die zu dem Song „Dalai Lama“ oder „Halt“ schreibt, hätte wohl niemand etwas derartiges erwartet.

Ob man darin jetzt eine Kritik an der fehlenden Nachhaltigkeit des Schulsystems oder einen Kommentar auf die Plattitüden und den bildungsfernen Duktus der Deutschrap-Szene liest, bleibt jedem selbst überlassen. Eine Sache kann keiner leugnen: Lindemann polarisiert mit diesem Haftbefehl-Feature. Selbiger wird schon sehr gespalten aufgenommen, zusammen mit den verschiedenen Meinungen über Lindemann (vergleicht mal den Bild-Artikel zu dem Song mit dem vom Metal Hammer) ergibt das eine Mischung, die für ordentlich Zunder sorgt. Für einige ist es der schlechteste Song, den Lindemann je veröffentlicht hat, andere sagen, es ist das beste Werk aus dem Nebenprojekt bisher. Manche sagen, sie schätzen Tills Experimentier- freude, andere sagen, das gehe doch einen Schritt zu weit.

Dann wiederum liest man von Leuten, die sagen: „Hoffentlich wird das nächste Rammstein-Album nicht so klingen!“

Wird es nicht! LINDEMANN ist LINDEMANN und nicht Rammstein! Weder wird das neue Album der Hauptband wie „A Million Degrees“ klingen, noch wie diese Trap-Single, die bewusst seltsam, albern und bekloppt gehalten ist. Dazu kommt noch das fantastische Musikvideo von Zoran Bihać, der schon so manches Video von Rammstein und Lindemann produziert hat. Hier sehen wir Till unter anderem in einer Doppelrolle – einerseits als Schulmädchen Algebra, das aufgrund schlechter Noten zur Prostitution als Nebenverdienst greift, und als Adidas-Jacken und Ketten tragender Freier, der das Mädchen ins Auto einlädt. Am Ende sieht man, passend zu den Worten „Fick, fick, fick Mathematik, fick, fick, fick, fick sie richtig“, wie Till Lindemann seinem eigenen Schulmädchen-Pendant… sagen wir mal, die Schenkel des Dreiecks auseinanderzieht und fleißig sein Dreißig-Zentimeter-Lineal integriert. Da soll mal einer sagen, Mathe sei langweilig!

Fazit: Die Angst vor dieser Kollaboration ist berechtigt und das Ergebnis sehr eigen und eventuell fragwürdig, aber in seiner Beklopptheit auch gleichzeitig wieder so herrlich krude und eingängig, dass ich den Song einerseits entsetzlich finde, allerdings den ganzen Tag lang einen Ohrwurm von diesem Scheiß hatte. Die einen finden es geil, die anderen hassen es abgrundtief. Ich hingegen finde es gut, dass Till sich kreativ keine Grenzen setzt und bereit ist, seine Komfortzone so zu verlassen, dass er auf diesem Trap-Beat auch ein bisschen albern klingt. Solange es dabei hilft, dass das Mutterschiff auf Kurs bleibt, sind die Rammstein-Nebenprojekte doch ein schönes Beiwerk zu dem Wissen, dass, sobald dieser Seitenspaß vorbei ist, es nächstes Jahr wieder heißt: „Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit!“ In diesem Sinne: Ja, nein, RAMMSTEIN!

Tracklist:

01 Mathematik [A19] (feat. Haftbefehl)
02 Mathematik [Sture Mix]
03 Mathematik [Remix A4] (feat. Haftbefehl)
04 Mathematik [Benson Remix] (feat. Haftbefehl)

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VÖ: 19.12.2018
Genre:
Label: Vertigo Berlin (Universal Music)

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