Kirlian Camera – Cold Pills (Scarlet Gate of Toxic Daybreak) (CD-Kritik)

Kirlian CameraStraight outta Parma – seit mehr als 40 Jahren liefern Kirlian Camera regelmäßig hochinteressante Electro- und Dark Wave-Musik aus den Tiefen der Düsternis. Da macht das neue Album, das mit mancher Überlänge daherkommt, keinen Unterschied: laut eigenen Aussagen ist „Cold Pills (Scarlet Gate of Toxic Daybreak)“ das bis dato düsterste Album der Band. Das stimmt in jedem Falle: diese Songs funktionieren abseits jeglicher Hitgeilheit, sondern wirken wie Meditationen der Einsamkeit. Es dauert allein zwei- einhalb Minuten, bis auf dieser Scheibe überhaupt ein Wort gesagt wird – und dann überzeugt „The Illusory Guest“ darüber hinaus mit enormer Wandelbarkeit, der Song durchgeht eine Metamorphose, und grenzt fast schon an eine Klanginstallation. „Cold Pills“ kommt da schon um einiges direkter zum Punkt – mit der Hälfte der Laufzeit und ähnlich atmosphärischer, pulsierender und vibrierender Melodie, gepaart mit dem Gesang von Elena Alice Fossi, die hier fast schon gleich einem Engel den Hörer verführt, einlullt und umgibt. Blau fluoreszierend, und unglaublich stimmungsvoll.

Auf „I Am Alice“ hingegen werden die Gitarren ausgepackt, und jawoll, das klingt ordentlich dreckig, staubig und schrammelig, gepaart mit dem etwas steif daherkommenden Schlag- zeug und predigender Coolness, die fast schon etwas Eldritch-haftes hat. „Not True“ hingegen trägt so viel minimalistische Weite in sich, dass man vor dem inneren Auge einen Satelliten durchs All schweben sieht. Erneut lässt man sich Zeit: erst nach einer Minute setzt hier tatsächlich ein Beat ein, der mechanisch scheppernd, metallisch und bitterkalt klingt. Darüber hinaus wird dieses instrumentale Stück immer mehr zu einem Stück Ambient für eine roboterbetriebene, leere, einsame Welt, wie ein Filmsoundtrack für eine postapoka- lyptisch-erkaltete Wüste. Die Gänsehaut kommt nicht nur von der brillanten Zusammen- setzung, sondern schon von den Bildern im Kopf.

„Crystal Morn“ hingegen hat viel mehr vom lieblichen Synthpop der Frühzeit dieser Gattung, modernisiert unter Einbezug diversester Vocal-Verzerrungen und treibenden Drums, wie ein Kristall blitzt und blinkt es von überall her, ohne jedoch die Melancholie zu verlieren. Eine tragische Schönheit fluoresziert von diesem Stück, das sich irgendwo zwischen Frozen Plasma oder sogar ABBA wiederfindet. Auf „Lobotomine“ hingegen wird die Stimme von Elena wieder zu einem weiteren Instrument innerhalb einer Klaviatur, die heruntergekommene Zukunftsvisionen, Dystopien mit glatten Oberflächen voller Kratzer zeichnet. Auch dieser Song durchgeht eine Metamorphose und wird gen Ende fast industrial-technoid, druckvoll, schwer und knüppelnd, maschinell und stampfend.

Um einiges freundlicher und weniger überfordernd wird es auf „Randonists and Sleepers“, für den Großteil ein kurzes Piano-Intermezzo, garniert jedoch mit einigen artifiziellen Streichern und einigen Glitches in der Matrix. Eine unterliegende Falschheit durchzieht dieses Interlude – und die schöne, simple Welt ist nicht so, wie sie scheint. Ohne den Einsatz jeglicher Worte erzeugt auch dieser Song große Bilder, steht für einen Moment des partiellen Ausharrens, ohne die Spannung jedoch gänzlich abfallen zu lassen, denn schon kommt „The 8th President“ daher, und furzt uns einen bassigen Synthesizer daher, der die Ankunft der Bedrohung verkündet. Ein Klicken und ein Ticken durchzieht diesen Song, wie ein Count- down zu einer Detonation, durchzogen von einem Gefühl der Endgültigkeit, der Prädetermi- nation, bis man dann tatsächlich ferne Sirenen hört und Angelo Bergamini einen Auftritt als kommandierender Leader hat, der den Hörer Schritt für Schritt weiter in den Nebel, die Düsternis und die Apokalypse treibt, wie ein Gang zum Schafott, mit bitterböser Atmosphäre – und das war erst die Hälfte des Songs, bevor die unglaubliche Dichte dieser Musik erst ihren Höhepunkt erreicht. Es wird noch finsterer, es dröhnt und schreit aus der Ferne, ohne je so wirklich laut zu werden, dank brillanter und spannender Vocal-Arbeit und fast schon drogengleicher Stimmung. Cold Pills – die Drogenassoziation ist nicht zu weit hergeholt.

Wir erreichen die B-Seite, den zweiten Teil des Doppels, und mit „Dreamlex“ bleibt das Niveau hoch. Wie man bereits schon erahnen konnte: dieses Album überzeugt vor allem durch unglaubliche atmosphärische Dichte, die einer famosen Komposition zu verdanken ist. Hier sitzt jeder Ton wirklich an der Stelle, an die er gehört, und es fällt schwer, das in wirklich effektive Worte zu fassen, ohne in unzählige Bilder zu verfallen. Derart fesselnd, eigen- aber auch einzigartig ist diese Platte, und das trifft genauso auf „Dreamlex“ zu, das den Hörer auf der zweiten Etappe sofort wieder zu sich holt. Auch dieser Song entwickelt sich über die Zeit hinweg (sieben Minuten), streckt langsam die Arme aus, um den Hörer in eine eiskalte Umarmung zu nehmen und durch seine Welt zu schicken. „Dusk Religion“ macht hier keinen Unterschied, und erreicht wieder unglaubliche Sphären, die pulsierende Lichtsensa- tionen auf der Netzhaut hinterlassen, inklusive des Breakdown-Durchatmers gen Mitte dieses Neunminüters.

Mit „LSDay“ bekommt man exakt das, was man erwartet: so stellt man sich einen LSD-Trip vor. Groß, weitläufig, gigantomanisch, gruselig, schillernd und widerhallend, verwaschen und rauschend. Elena haucht und echot durch alles hindurch – es ist wahrlich faszinierend. Daraufhin schließt sich mit „Phoenix Aliena“ wieder eine poppigere Nummer an, die mit etwas mehr Rhythmus, aber nicht weniger beachtlichen Synthesizer-Arbeit überzeugt. Der Refrain ist wunderschön, und im C-Teil entsteht wieder dieses leichte Gefühl der Unruhe, der Unsicherheit, des Nicht-auf-festem-Grund-Stehens.

Noch weiter in die Untiefen hinein zieht uns „Apophenia“, das wirkt wie aus einem Sound- track von Trent Reznor und Atticus Ross. Es knackt und piekt in der Drum-Section, gleichzeitig zieht sich eine Spieluhr-artige Melodie durch den Song. „Blue Drug“ hingegen ist ein ganzes Stück minimalistischer, klingt wie ein kaputter Arcade-Automat, wie ein Stück Musik, aus dem jede Seele herausgesaugt wurde – auf die beste Art und Weise überhaupt. Völlige Hilflosigkeit und Einsamkeit im instrumentalen Gewand.

„Lux Industries“ strotzt ebenfalls nur so vor Futurismus und Maschinerie, weiterhin bleibt das Tempo eher gedrosselt, doch das Netz um den Hörer ist weiterhin dicht gespannt und schickt elektrische Signale in alle Richtungen. Und wenn „Twin Pills“ dann mit seiner warmen Grundstimmung daherkommt, denkt man, man sei dem Netz schließlich entwichen und freigelassen, doch weit gefehlt, man bleibt gefangen in dieser sonoren, vibrierenden Welt, so lieblich es auch wirken mag. Hier klingt die Spannung zwar aus, doch nachdem dieser Song durchgelaufen ist, sitzt man erstmal eine Weile lang da und zwingt sich, ein paarmal tief ein- und auszuatmen.

Fazit: Ein Album wie ein Rausch. Ein Kribbeln ging mir beim Hören von „Cold Pills“ durch den Körper, und ich bin schlicht und ergreifend fasziniert von so viel Aura, so viel Tiefe, so viel Fremdheit und Entgeisterung, durch die mich dieser Brocken Musik schickte. So eine ungeheuer dichte Atmosphäre, so eine Energie, die Punktlandung auf Punktlandung landet, aber am besten im Gesamten funktioniert. Diese Platte muss man durchhören, von vorne bis hinten, um die Wirkung zu erfahren – es ist wirklich wie ein obskurer Drogentrip, bei dem einen auf angenehme Weise heiß und kalt wird, und bei dem man nie völlig sicher ist. Man ist wie gestrandet in dieser Musik, die einen wirklich mitnimmt und etwas mit dem Hörer macht. Ein wirklich, wirklich beeindruckendes und großes Werk, das Kirlian Camera da gezaubert haben. Während andere Bands nach derart langer Karriere ein wenig zum Irrlichtern oder Selbstzitieren neigen, bleiben diese Italiener:innen ungeheuer modern – an keiner Stelle klingt dieses Album veraltet, im Gegenteil: es klingt futuristisch und dystopisch, und irgendwie, in seiner einsamen Tristesse und Unsicherheit, die gleichermaßen wie von weißem Rauschen durchzogen ist, unfassbar tagesaktuell. Eine absolute Hörempfehlung, von vorn bis hinten ein musikalischer Film voller kalter Farben, Lichtblitze und weiten, leeren Szenerien.

Tracklist:

CD 1:
01 The Illusory Guest
02 Cold Pills
03 I Became Alice
04 Not True
05 Crystal Morn
06 Lobotomine
07 Randonists and Sleepers
08 The 8th President

CD 2:
01 Dreamlex
02 Dusk Religion
03 LSDay
04 Phoenix Aliena (English Version)
05 Apophenia
06 Blue Drug
07 Lux Industries (MMXX)
08 Twin Pills

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VÖ: 14.05.2021
Genre: Electro / Dark Wave
Label: Dependent

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