Kärbholz – Herz & Verstand (CD-Kritik)

Kärbholz

Es gibt neuen heißen Stoff von den Rock ’n‘ Rollern von Kärbholz. Herz & Verstand heißt der neue druckfrische Silberling, der bereits am 08.03.2019 das Licht der Welt erblickt hat. 14 Songs die nur danach schreien gehört zu werden. Mit Spiel des Lebens haben sie sich 2017 selbst die Ehre gegeben ihr erstes Album neu zu vertonen, jetzt war es aber wirklich an der Zeit für neue Zeilen. Das Warten, das Zehren hat sich gelohnt und Fans und die, die es noch werden wollen, werden mit 14 Songs belohnt.

Es wird erstmal ordentlich „Tabula Rasa“ gemacht. Aufgeräumt, alles sortiert und neu angefangen. Der Beginn wie in einem Wild West Film, endlose Weiten gehen über in den altbekannten Kärbholz Sound, der dennoch neu und frisch klingt. „Ich setzte die Segel für einen Neuanfang“ wird gesungen und es klingt nicht nach einem leeren Versprechen. Frisch nach vorne und mit eingängigen Sound wird der Hörer eingefangen. „Musizin“ ist eine Ode an die schönste Droge der Welt. Musik! Wenn es einfach nicht mehr weiter geht, man nicht mehr weiß, in welche Richtung es weitergehen soll, dann hilft es oft die Dosis einfach lauter zu drehen. Wenn man weinen möchte, hilft der passende Song, will man feiern gibt es auch hierzu einen Klassiker. Für jeden was dabei und immer für Gesprächsstoff gut. Hat man seine „passende Droge“ gefunden, lässt es einen nicht mehr los. Dieser Song ist eine Liebeserklärung für die Musikszene. „Keiner Befiehlt“ weil wir sowieso nicht folgen! In Song Nummer drei heben wir die Mittelfinger gegen Autoritäten oder die, die meinen welche zu sein. Oft wird einem im Leben viel vorgeschrieben und erwartet, dass man sich an Richtlinien hält, hinter denen man nicht mit gutem Gewissen stehen kann. Wenn man in dieser Situation steckt, ist dieser Song ideal. Öfter mal zur eigenen Meinung stehen, das ist hier die Aussage, untermalt mit ordentlich Schlagzeug und melodischen Tempowechseln. Ein bisschen ruhiger und besinnlicher zeigen sich die Männer in „Mutmacher“. Der Song ist auch genau das. Ein Mutmacher, der sagt, wie großartig jeder einzelne Mensch ist und, das man ruhig mal stolz auf sich sein darf. Ein langsam startender Song, der mit jeder Zeile etwas mehr Tempo aufnimmt und sich bei gemütlich flotten Tempo sammelt. Gemütlich geht es auch in „All meine Narben“ zu. Lediglich von einer Gitarre begleitet tröpfelt der Song vor sich hin. Ein bisschen mehr Gas gegeben wird in „Herztier“. Ein melodischer Refrain zieht einen durch den Song. In der Zeile „Immer mit mehr Herz als Verstand“ findet sich auch der Albumtitel gekonnt eingebaut wieder. Definitiv ein Track, der nach den ruhigeren Passagen gut tut und wieder etwas Feuer bringt. „Stein & Sand“ nimmt dieser Feuer leider zu Beginn ein bisschen raus, kann aber mit einer tollen Steigerung und einem noch besseren Gitarrensolo punkten. Von der ersten Sekunde an auf die Ohren gibt es in „Mein persönlicher Krieg“. Die Instrumente von Beginn an dominanter und aggressiver beben in den Ohren und werden von einer treibenden Melodie im Refrain aufgefangen und herrlich kombiniert. Viele Tempowechsel, geschickt kombiniert, das hier ist ganz große Handwerkskunst. In „Alle Systeme auf Vollgas“ wird Hoffnung auf Vollgas gemacht. Leider bekommen wir genau das Gegenteil. Wieder lediglich eine Gitarre und mehr gesprochen als gesungen geht es los. Schade eigentlich, bis man erkennt, dass man plötzlich in einem wundervollen, humoristischen Trinklied gelandet ist. Der Text bringt einem zum Lachen und betrachtet man den Song ganz nüchtern lädt er zum Mitsingen und schunkeln ein. Betrunken betrachtet fällt das Mitsingen sicher schwer, aber zum Zwischenreingrölen wird auch Platz geboten. Dann, wenn man nicht mehr damit rechnet, nimmt der Song auf einmal Fahrt auf und man möchte spontan aufspringen und wild im Kreis hüpfen. Das perfekte Trinklied eben. „Frei sein“ hat neben einer wunderschönen Melodie auch einen wunderschönen Text. Generell muss man sagen, dass die Texte in diesem Album extrem kräftig und aussagestark sind. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen, aber auch ganz viel Gefühl und Menschlichkeit in den Texten transportiert. Zur Abwechslung gibt es wieder die volle Dröhnung mit „Falsche Alternativen“. Auch hier passt die Aussage, dass kein Blatt vor den und genommen wird, auch wenn es mal politisch wird. Wer die falsche Alternative ist, ist nach diesem Song vollkommen klar und gepaart mit ordentlich Gitarre kommt auch noch ein musikalisch klasse Song dabei raus. Wir nähern uns dem Ende und hatten zwar viele gute Songs, aber noch keinen wirklichen Höhepunkt. Leider kann mir auch „Zwischen Uns“ diesen nicht bieten. Ein schöner Song – sehr dramatisch, sowohl textlich als auch musikalisch, aber auch er kann das Fass nicht zum Überlaufen bringen. Der Song „Gewitter“ baut sich auf wie eines. Langsam wird es immer drastischer, bis es dann auf einmal musikalisch blitzt und donnert. Den krönenden Abschluss bildet „Meine Melodie“. Kärbholz verabschieden sich von Herz & Verstand noch einmal mit einem Paukenschlag und dem, was sie am Besten können. Tempo und ordentlich Druck nach vorne. Davon hätte ich gerne mehr gehabt.

Fazit: Am Anfang wurde von Segel setzen gesprochen. Aber kein Schiff kann segeln, wenn der Wind fehlt. Und so muss man es hier leider sehen. Die überaus gelungenen Texte bilden ein riesengroßes Segel, und es fehlt nur noch an der passenden musikalischen Untermalung, die genug Rückenwind bietet, um das Segel aufzublähen. Herz & Verstand ist sicher kein schlechtes Album, es finden sich einige solide und sehr gute Songs darauf, aber es fehlen die Ecken und Kanten, der große Ohrwurm oder ein mitreisendes Konzept. Ich hätte ein bisschen mehr erwartet, bin aber auch nicht enttäuscht. Das Album dümpelt im Mittelfeld vor sich hin und wird sicher noch das eine oder andere Mal gehört werden. Vielleicht handelt es sich hier auch um ein Album, dass einfach eine zweite und dritte Chance braucht, um richtig einzuschlagen.

Tracklist:

01. Tabula Rasa
02. Musizin
03. Keiner Befiehlt
04. Mutmacher
05. All Meine Narben
06. Herztier
07. Stein & Sand
08. Mein Pers÷nlicher Krieg
09. Alle Systeme Auf Vollgas
10. Frei Sein
11. Falsche Alternativen
12. Zwischen Uns
13. Meine Melodie

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VÖ: 08.03.2019
Genre: 100 % Vollgas Rock´n´Roll
Label: Metalville (Rough Trade)

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