Harpyie – Aurora (CD-Kritik)

HARPYIE

HARPYIE mussten in ihrer noch recht jungen Karierre schon viel einstecken. Die Kombo um Sänger Andre Freitag (Aello Die Windboe) hatte sich 2011 gegründet und bereits 2012 erschien mit „Blindflug“ das erste Album. Dieses fiel bei Kritikern reihenweise durch und wurde mitunter scharf kritisiert und zerpflückt. Auch der Nachfolger „Willkommen im Licht“ (2013) kam nicht wirklich besser weg. Vielleicht hätte man sich ein bisschen mehr Zeit lassen und die Kritik auf sich wirken lassen sollen, um wirklich zu wachsen. Denn zwei Jahre später erschien „Freakshow“ (2015), ein Album, welches durchaus positiv aufgenommen wurde. Hier hat man die Detailverliebtheit und auch die Mühen deutlich herausgehört, die in den vorherigen Alben gefehlt haben. Mit dem letzten Output „Anima“ (2017) konnten HARPYIE wieder eine Stufe auf der Leiter nach oben erklimmen. 2019 ist es nun wieder soweit: Die Sturmvögel von HARPYIE legen am 28. Juni ihre fünfte Platte, die auf den klangvollen Namen „Aurora“ hört, via Metalville (Rough Trade) vor. Hoffen wir, dass die Band aus Bad Oeynhausen an die vergangene Entwicklung anknüpfen und nichts übers Knie gebrochen haben.

Das Album wird eingeleitet mit „Morgenstern“, welches ruhig und klangvoll beginnt, aber schon nach kurzer Zeit von einem druckvollen Schlagzeug imposant vorangetrieben wird. Musikalisch sehr vielfältig und glasklar macht der Opener einen guten Eindruck und Lust auf mehr. Kurze gegrowlte Passagen setzten Akzente und sorgen für die ein oder andere unerwartete Überraschung. „Sternenfeuer“ kommt da doch etwas lieblicher daher, auch wenn sich hier eine ähnliche musikalische Steigerung wie in „Morgenstern“ erahnen lässt. Bereits nach kurzer Zeit entpuppt sich der Song aber als wechselhafte Nummer, die mit gekonnten Übergängen zwischen druckvollen Passagen und balladesk anmutenden Strophen springt. „Nichts mehr“ hat einen ähnlichen Verlauf, ist im Großen und Ganzen aber eher ruhig und emotional gehalten. Lediglich im Refrain wird es etwas imposanter und dem Song wird etwas mehr Tiefe verliehen. Der wunderschöne Titel „Kompassrosen welken nicht“ folgt als Nächstes. Dieser Song war auch die erste Singleauskopplung, die ein stimmungsvolles Musikvideo bekommen hat. Hier wird sich an den klassischen Grundlagen der Balladen orientiert und der Refrain von beispielloser musikalischer Intensität untermalt. Ein klares Bekenntnis zu Ihren mittelalterlichen Wurzeln ist der Beginn von „Seemann Ahoi“. Bereits nach kurzer Zeit wird das Tempo angezogen und die mittelalterlichen Klänge verschwinden fast vollkommen hinter Schlagzeug und Gitarre. Auch wenn es im Verlauf des Songs immer wieder kurze Soli gibt, die kleine Ausschläge der Geige zulassen, vermiss ich mehr mittelalterliche Elemente. Nicht nur in „Seemann Ahoi“ sondern in allen bisher gehörten Songs (und auch in denen, die noch kommen werden). Hier könnte man so ein breites Klangspektrum schaffen, was leider nicht genutzt wird. Düster und gespenstisch startet „Kaleidoskop“. Die Stimmung wird nicht beibehalten, sondern wandelt sich eher in einen treibenden und hoffnungsvollen Rhythmus. Sehr passend, denn mindestens genauso treibend kommt „Ikarus“ daher. Ein flottes Grundtempo, dass den ganzen Song über beibehalten wird, macht Lust sich zu bewegen und die Geige setzt schöne Akzente, die den Song zu einem kleinen Highlight machen. Von den hohen Lüften, in denen sich Ikarus herumtreibt, sinken wir nun tief hinab, auf der Suche nach dem verschollenen „Atlantis“. Nicht nur vom Titel Gegensätze pur, auch musikalisch wird hier das Kontrastprogramm geliefert. Eher zurückhaltend und vorsichtig kommt der Song daher, ohne aber langweilig oder einschläfernd zu wirken. „Inferno“ findet sich dann genau im Mittelfeld seiner Vorgänger. Also ein leichter Anstieg zu „Atlantis“, was sehr gut in den Hörfluss passt. Allerdings ist der Song auch musikalisch gesehen im Mittelfeld. Nicht qualitativ, da liefert er ab, wie alle seine Vorgänger, aber schlicht gesagt, ist „Inferno“ einfach nichts Besonderes. Auch wenn der Song im Verlauf immer abwechslungsreicher wird, fehlt ihm weitestgehend die Tiefe und er wirkt leider etwas langweilig. Ähnlich verhält es sich mit „Vendetta“. Langweilig wäre hier aber das falsche Wort. Der Song ist eher kurzweilig. Er geht gut ins Ohr und macht auch ordentlich Laune, aber kaum sind die knapp viereinhalb Minuten um, hat man ihn auch schon wieder vergessen. Leider kein Ohrwurmpotential. Etwas experimenteller und mit mehr Tiefgang wird „Blut und Spiele“ instrumental hinterlegt. Leider nur im Intro, mit einsetzen des Gesangs geht leider viel davon verloren. Ein Stilmittel welches sich im Laufe des Songs immer wieder wiederholt. Das sorgt dafür, dass die gesanglosen Passagen, die musikalisch schönsten sind. Draußen sind grad fast 30 Grad, vielleicht sorgt das dafür, dass ich die Stimmung, die „Winternachtstraum“ vermittelt, nicht wirklich aufnehmen kann. Zusätz- lich ist der Song aber auch ziemlich vorausschauend und ohne große Überraschungen auch nicht wirklich herausstechend.

Fazit: Auch wenn man hier wieder eine deutliche Steigerung zum letzten Album hören kann, muss hier noch viel Arbeit geleistet werden, bis die Stimme von Sänger Aello dem musikalischen Begleitwerk gerecht werden kann. Was man aber definitiv lobenswert erwähnen muss, ist, dass das Album von der ersten bis zur letzten Sekunde glasklar klingt. Hervorragend abgemischt, ein wunderschönes Zusammenspiel der Instrumente, und auch die Abmischung zwischen Gesang und Begleitung ist ideal. Da macht das Hören trotz der einen oder anderen Schwachstelle wirklich Spaß.

Tracklist:

01. Morgenstern
02. Sternenfeuer
03. Nichts mehr
04. Kompassrosen welken nicht
05. Seemann ahoi
06. Kaleidoskop
07. Ikarus
08. Atlantis
09. Inferno
10. Vendetta
11. Blut und spiele
12. Winternachtstraum

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VÖ: 28.06.2019
Genre: Mittelalter/Folkmetal
Label: Metalville (Rough Trade)

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