HAEDZOR · Weltengeflüster (CD-Kritik)

HAEDZOR

HAEDZOR – was eins 2016 noch als Solo-Studioprojekt vom Szene bekannten Musiker Gunnar Kreuz (Kreuzheim, The Sexorcist) geplant war, ist mittlerweile zu einer Band zusammengewachsen. Nach der Veröffentlichung des Debüt-Albums „Lust, Frust und andere Gewächse“ (2016) folgten die ersten Auftritte bei denen Gunnar von den beiden Musikern Theodore Kameroon und Mats Olsen live unterstützt wurde. Schnell war klar, das den dreien nicht nur eine Freundschaft, sondern auch die Leidenschaft an elektronischer Musik verbindet. Inzwischen sind Theo und Mats zum festen Bestandteil von HAEDZOR geworden und arbeiten gemeinsam an neuem Material und reizen dabei die Studitechnik bis zum Anschlag aus. Nun ist es endlich soweit: Zwei Jahre nach dem Erstlingswerk steht der Nachfolger in den Startlöchern und erscheint am 19. Oktober unter dem Titel „Welten- geflüster“ im Eigenvertrieb.

Der instrumentelle Opener „Anomalie“ schiebt sich bedrohlich langsam in die Gehör- gänge. Der langsame, laszive Rhythmus schafft die theatralische Atmosphäre für das kommende Stück, der Single-Auskopplung „Land Of Darkness“. Das lange Intro leitet in eine melancholisch-romantische Melodie über. Im Melodiegerüst klingt 80er Jahre Electro-Wave-Gefühl an. Das düstere „Black Game“ entfaltet dagegen morbiden Charme mit aggressiven Spoken Words. Das Ende kommt sehr abrupt mit einem knappen Abschieds- gruß: „Bye“. Vom „Black Game“ geht es direkt weiter mit „Excessive Party Boy“ zur nächsten Party. Das ist böser EBM-Stampf und führt das Thema des vorangegangenen Titels weiter als nächsten Schritt in diesem dunklen Spiel. Als erster deutschsprachiger Titel lässt „Zeit Vergeht“ einen philosophischen Text hören auf weichen Dark Elektrosounds kombiniert mit harten Beats. „S/W“ erzählt vom Zustand der Unentschiedenheit — lieber Engel oder Teufel sein — über luftig leichtem, treibendem Rhythmus. Die Atmosphäre dieses Liedes lässt tatsächlich den Charme früherer NDW-Titel aufblitzen. Der Titel des folgenden Stücks „Traum (-Zeit) Wandler“ lässt Zartheit vermuten. Stattdessen serviert HAEDZOR hier harten und düsteren Dark Electro. Blechern pulsiert es im Hintergrund und das leicht Flockige von „S/W“ ist nun ganz einem technischen kalten Sound gewichen. Weiter geht es mit voller Härte und stark verzerrter Stimme: „Error In System“. Maschinenhafte Spoken Words illustrieren in Phrasen eine andere Art von „Weltenge- flüster“, nämlich dem des Fehler im Systems — im System der Maschinen oder Menschen?. Im Titel „Brenne!“ erklingt ein höchst melodisches Thema konträr zum harten Inhalt des Liedes voller Wut und Aggression, Leid und Schmerz. „Tränen“ folgt musikalisch den Spuren von „S/W“, aber mit einer Träne im Knopfloch. Der schöne Tanzbeat von „Frau In Schwarz“ ergänzt die Beschreibung jener Frau in Schwarz auf der Tanzfläche. Das abrupte Ende und dessen Kürze lässt diesen Titel wie ein Fragment einer Szenerie, ein Schlaglicht einer Episode einer durchtanzten Nacht, wirken. „Don`t Cry“ fröhnt wieder konzentriert dem durchgestampften Viervierteltakt. Die stete Wiederholung der Sequenzen wirkt hypnotisierend. Wo es vorher noch „Tränen“ gab, werden sie nun verbannt. Mit „Falling Angels“ klingt das Album im mittleren Tempo ohne großes Drama aus und es folgen noch drei Bonustracks. Der erste ist „Synthetic Sinfonie II“ — ein dynamisches Instrumental- stück mit E-Gitarren ähnlichem Zusatz. Das lässt sich gut hören. Das Original von „S/W (Extended)“ ist gut 5 Minuten lang, die Extended Version über 9 Minuten. HAEDZOR fügten reichlich instrumentelle Parts hinzu. Der letzte Titel ist „Wo?“, ein ungewöhnlicher, minima- listischer Track, der sich auf dem Album recht experimentell ausnimmt.

Fazit: Hier haben wir ein Album mit vielerlei Einflüssen der elektronischen, tanzkom- patiblen Musik von EBM über Dark Wave bis synthpoppigen Einsprengseln. Das Ganze wirkt keinesfalls bemüht, sondern sehr spielerisch komponiert, sowohl mit tiefem Ernst als auch mit Witz. Allerhand, was sich bei „Weltengeflüster“ so zugeflüstert wird: Unzählige, verschiedene Stimmen als Reflexionen unserer Welt ergeben ein episodenhaftes Bild in Musik gegossen. So nehmen die Lieder des Albums übergreifend aufeinander Bezug, weil jedes einzelne eine Stimme im Chor des Weltengeflüsters ist. Ohne konkret Bezug auf aktuelle Ereignisse zu nehmen, ergibt sich derart ein Stimmungsbild unserer Zeit. Ganz nebenbei erwähnt: Man kann dazu auch richtig gut tanzen! Mehrmaliges Hören wird empfohlen, damit sich die Wirkung gut entfalten kann.

Tracklist:

01 Anomalie
02 Land Of Darkness
03 Black Game
04 Excessive Party Boy
05 Zeit Vergeht
06 S/W
07 Traum (-Zeit) Wandler
08 Error In System
09 Brenne!
10 Tränen
11 Frau In Schwarz
12 Don`t Cry
13 Falling Aangels
14 Synthetic Sinfonie II (Bonus)
15 S/W (Extended) (Bonus)
16 Wo? (Bonus)

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VÖ: 19.10.2018
Genre: Electro
Label: Eigenvertrieb

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