TÜSN – Trendelburg (CD-Kritik)

TÜSN

TÜSN haben in ihrem bisher recht kurzen Bestehen schon so einiges an Staub aufwirbeln können. Mit ihrem Sound, noblem Indie-Synthpop mit einer gewissen Note Extravaganz (Selbstbezeichnung: „Sagenhaft dramatische Populärmusik“) gehören sie in meinen Augen zusammen mit Drangsal zur modernen Crème de la Crème der tanzbaren Synth-Songs mit Indie-Rock-Unterton.

Auch auf ihrer akustischen Reise nach Nordhessen, in das märchenhaft-spätmittelalterliche Trendelburg, weiß die Band uns von ihren Qualitäten zu überzeugen. So beginnt der Opener und Titeltrack mit einigen sehr sauberen Electro-Klängen und fast schon barockenhafter Attitüde („Mein Name ist Ludwig, König in der Sonne, ich bringe den Champagner, baden wir in Wonne“). Der Text imitiert zuerst die großen Herrscher*innen der Geschichte, bevor Sänger Snot mit Religion („die beste aller Drogen“) und Geld („Konkubine des Prestige“) abrechnet. Hierbei wird eine Party mit jener High Class inszeniert, bevor die Standesgrenzen eingerissen werden und verkündet wird: „Die Party ist tot!“ – Hier findet musikalisch die Aufklärung ihre Wiederbelebung. Ein ziemlich ordentlicher Start für eine solche Platte, mit schön explosivem Refrain und interessantem Text.

Abstrakt und nobel bleibt es auch auf dem Rest des Albums. „Zweifel“ lässt auf Anspiel- station zwei viel Raum für Spiele mit dem titelgebenden Wort in verschiedensten Kontexten. Auf ein träumerisch-ruhiges Instrumental gibt es hier die ein oder andere wirklich schöne Zeile. „Melanchotherapie“ hingegen klingt sehr verspielt, groß und gleichzeitig sperrig. In den Strophen noch eher schleppend, mit echowerfenden Drums und langsamen Kicks, unterbrochen von einigen harten Aufschreien der Synths, wird es dann im Refrain etwas tanzbarer. Der Spannungsbogen erinnert mich ein klein wenig an den von AnnenMayKantereits „Ich geh heut nicht mehr tanzen“. Dieser Song klingt wie ein Freitagabend in Berlin, getragen von der Schwere der späten Jugend. Ebendiese melancholische Jugendhaftigkeit scheint eines der Kernelemente dieser Musik zu sein, früher unter Beweis gestellt von Bands wie The Cure oder dem einen oder anderen Depeche Mode-Songs, heute eben von besagtem Drangsal – oder eben TÜSN. Dass das immer noch gut funktioniert, zeigt sowohl der Erfolg als auch die Qualität dieses Songs, der das getragene Gefühl durch einen ziemlich schönen Text, der das Gefühl der Melancholie zwar verwoben, aber doch nicht überladen und mit großer Klarheit darstellt.

Von „Schalangen“, „Ratatten“ und „Löwöwen“ ist nun die Rede – wir begeben uns in die „Kranke Heile Welt“. Musikalisch wird es weiter und tiefer, textlich abstrakter. Sehr zu empfehlen hierbei ist das wirklich großartige Musikvideo, das das Gefühl des Songs sehr treffend zu unterstreichen weiß. „Scheitern“ lässt mich an die besseren Zeiten von Hurts denken, lyrisch wird hier mit dem einen oder anderen Oxymoron gespielt. Der unterschwellige Pathos, hier besonders durch die Keyboard-Streicher im Instrumental unterstrichen, und die Schwere ziehen sich weiter als Grundgefühl durch das Album, und weiterhin werden sehr große, ordentliche Brötchen gebacken. „Schwarzer Lambada“ ist fast schon dadaistisch und so schön skurril. Für mich klingt das unfassbar nach Berlin-Musik. Ich denke an Studenten- clubs, Alkohol und Selbstreflexion im Prenzlauer Berg. Und das passiert hier recht stilvoll und mit augenzwinkernd daherkommenden Texten – „Nicht alles, was schlau ist, ist gut.“

Korrigiert mich, wenn ich falsch liege, aber Sozialkritik hat in den letzten Jahren eine immer größere Bedeutung in der Musik bekommen. Auch TÜSN schreckt davor nicht zurück, sie verpassen dem Thema aber einen schönen doppelten Boden, den ich bei vielen Künstlern vermisse. Klar, sich gegen gewisse Strömungen zu positionieren und auf bestimmte Miss- stände hinzuweisen, ist unfassbar wichtig – aber es ist schon schön, den Song „Made in Germany“ zu hören und die kleinen lyrischen Kniffe und den Mangel an übermäßig plakativer Direktheit im Tausch mit spannenden Seitenhieben auf den Status Quo zu bemerken. Ein sehr nettes Liedchen, das mich sehr erfreut hat. Hiernach ist es Zeit für ein bisschen Liebe – natürlich auch gepaart mit diesem Jugendgefühl, aus sich rauszukommen und zu leben. „KÜSN“ trägt diesen Flair des Erwachsenwerdens zwischen Feiern, Selbstreflexion und dem versagenden Zeitgefühl. Dazu geht’s hier musikalisch wieder recht hübsch zu, man kann sich dazu gut bewegen und der Indie-Charakter der Musik verwehrt dem Song vielleicht den Einzug in die EBM-Clubs von Berlin, aber in der einen oder anderen Tanzlokalität des Prenzlauer Bergs werden einige junge Erwachsene zu diesem Song sehr ästhetisch im bunten Licht über das Laminat wirbeln.

Mit enormer Soundästhetik geht es auch bei „Schlaflose Inkubation“ weiter. Hier geht es um Zusammenhalt, Zuneigung und dem Loslassen von Hier und Jetzt. Neulich bat mich eine Person darum, doch die Zeit anzuhalten, um mich noch länger bei sich haben zu können. Dabei spielte in meinem Hinterkopf ebendieser Song. Dieses Gefühl der juvenilen Zweisamkeit wird auch auf „Noch Mehr“ mit der ein oder anderen Filmmetapher beackert – dazu gibt es eine schön reduzierte, pianolastige Instrumentierung, die dieses Lebensgefühl mit Bravur und Leichtigkeit unterstreicht. Als Kind dieses Jahrhunderts, das sich selbst gerade mit den Emotionen, die auf dieser Platte besungen werden, auseinandersetzt, fällt es mir leicht, eine gewisse Verbundenheit zu diesen Liedchen zu verstehen.

Einer der besten Songs ist aber das Finale „Letzter Tag“ – hier zerbricht der Optimismus, das Ende steht bevor, das barocke Gefühl der ewigen Jugend zersplittert und der Boden der Tatsachen kommt über den Hörer. „Was schert es die Krankheit, wenn der Körper leidet? Der Tod fühlt nichts, wenn er uns scheidet.“ Ganz großes Hörkino! Ein wahrlich brillanter letzter Akt!

Fazit: Ich habe einen kleinen jugendlichen Crush auf dieses Album. „Trendelburg“ beschreibt auf elf Tracks sehr famos das Gefühl des Heranwachsens und der Kollision von Träumerei und Realität, Melancholie und dem Wunsch nach Zerstreuung. TÜSN haben mehr als solide abgeliefert. Vielleicht hängt mein Respekt für dieses Album aber auch damit zusammen, dass ich selbst gerade in einer Phase meines Lebens bin, in der ich das, was die Band hier musikalisch portraitiert, selbst durchlebe und dadurch gut nachvollziehen kann. Der Stil der Band, die lyrische und musikalische Ästhetik, das alles sagt mir sehr zu. Von meinem ganz persönlichen Standpunkt aus kann ich nicht anders, als diese Platte als sehr wunderbar zu betrachten. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle die Songs „Trendelburg“, „Melancho- therapie“, „Schwarzer Lambada“ und „Letzter Tag“.

Tracklist:

01 Trendelburg
02 Zweifel
03 Melanchotherapie
04 Kranke Heile Welt
05 Scheitern
06 Schwarzer Lambada
07 Made In Germany
08 KÜSN
09 Schlaflose Inkubation
10 Noch Mehr
11 Letzter Tag

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VÖ: 08.03.2019
Genre: Indie-Synthpop
Label: Tüsn (Soulfood)

TÜSN – Trendelburg Tour 2019

26.04.2019 Bremen – Tower
27.04.2019 Rostock – Helgas Stadtpalast
28.04.2019 Hamburg – Nochtspeicher
29.04.2019 Frankfurt – Nachtleben
01.05.2019 München – Backstage
02.05.2019 Nürnberg – Club Stereo
03.05.2019 Saarbrücken – Garage Club
04.05.2019 Osnabrück Kleine Freiheit
05.05.2019 Hannover – Lux
07.05.2019 Köln – Blue Shell
08.05.2019 Leipzig – Moritzbastei
09.05.2019 Braunschweig – Eule
10.05.2019 Berlin – Urban Spree

TÜSN im Web:

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