Tarja – Act II (CD-Kritik)

Tarja

Nachdem Tarjas erstes Live-Album „Act I“ weltweit ein umjubelter Erfolg war und 2012 für hohe Chartpositionen sorgte, folgt nun das sehnsüchtig erwartete Live-Spektakel „Act II“ der finnischen Ausnahmekünstlerin. Aufgezeichnet im Rahmen ihrer Welt- tournee „The Shadow Shows“, bei welcher die einflussreiche Heavy-Rock-Sänger mit über 300.000 gefahrenen Kilometern 7 ½-mal die Welt umkreiste und über 200 Shows in 40 Ländern und vor einer Millionen Menschen spielte, ist „Act II“ mehr als nur ein Liveaufzeichnung. (Quelle: Pressetext)

Zuerst einmal muss eine Sache klargestellt werden: Dass Tarja Turunen eine fantastische Sängerin ist, die ihr Herz und ihre Seele in ihre Musik steckt, muss nicht diskutiert werden. Auch nicht, wie genial die Aufmachung dieses neuen Live-Albums ist – visuell konnte Tarja ihre Musik schon immer gut bestärken. Genauso steht außer Frage, dass wir hier eine wirklich gute Setlist vorliegen haben. Tarja spielt sowohl Hits aus ihrer Solokarriere als auch aus ihrer gemeinsamen Zeit mit der Symphonic-Metal-Band Nightwish, durch die sie den Erfolg erreichte, den sie verdient, und dann Coversongs wie den James-Bond-Song „Goldfinger“ oder die Muse-Nummer „Supremacy“. Ebenso wenig lässt sich bestreiten, dass das Album ziemlich fett klingt. Die Mische ist sauber, die Band klingt fast wie im Studio aufgenommen – einerseits ist das eine gute Arbeit, viele Live-Aufnahmen klingen ziemlich schwammig im Vergleich zu dieser Platte hier, andererseits liegt hier vielleicht eines der Probleme der Platte. Denn man hört ein Grummeln durch die Fan- und Rezensenten- gemeinde gehen, das selbst die basslastigen, epischen und fantastischen Arrangements, die hier dargeboten werden, in der Stärke ihrer Vibrationskraft überbietet. Etwas ist hier anders, das das erste Album so viel besser hat dastehen lassen. Lasst uns das Kind beim Namen nennen: Es ist Tarjas Gesang.

An dieser Stelle möchte ich erneut betonen: Die Frau hat eine fantastische Stimme, mit der es ihr wieder und wieder gelingt, die Tonleitern auf und abzurennen und Oktaven zum Tanzen zu bringen. Aber es bleibt das Gefühl nicht aus, dass die gute Frau hier hin und wieder etwas zu sehr gegen die zugegebenermaßen bombastische Arbeit ihrer Band ansingt, und das bisweilen etwas zu nasal oder gepresst. Dass der ein oder andere Ton daneben geht, ist ja grundlegend verzeihlich. Schließlich ist ja sonst alles großartig: Die Musik klingt satt, schwer und trieft vor Düsternis, Unheil und Gänsehaut-Faktor, das visuelle Konzept ist toll, doch die Frontfrau hämmert zwei Stunden lang so viel aus der eigenen Stimme, dass die Live-Aufnahmen, in denen das Publikum nur an den nötigsten Stellen überhaupt zu hören ist, mehr klingen wie schlechtere Albumversionen, die sich hin und wieder etwas in die Länge ziehen.

Eine Künstlerin wie Tarja Turunen in das Gewand eines rein auditiven Livealbums zu bringen, ist schwer. Einerseits will man den leichten Hall im Mikro, die aneinander knall- enden Drumsticks, kurz, das ganze Konzertfeeling hören, andererseits sollen die Arrangements dabei nicht an Kraft, Monumentalität oder Qualität verlieren und durch die Lautsprecher gejagt nicht flach klingen oder in den Höhen versagen. Dort einen Mittelweg zu finden, ist ziemlich schwer, doch gelang es 2012 dem ersten Live-Album von Tarja, „Act I“, mit großartiger Fertigkeit. Auf dem Rücken einer Welttournee, auf der ein Weg zurückgelegt wurde, der siebeneinhalb Erdumrundungen entspricht, noch eine Platte aufzunehmen, ist dabei ein riskantes Unterfangen, wenn man an den Vorgänger heran- reichen will. Jeder Musiker klingt im Laufe einer ausgedehnten Tour irgendwann nicht mehr so wie beim Auftakt, nur lässt es sich hier leider so schwer verstecken, dass der bleibende Eindruck von der Platte eher ein „Tja, war nicht unbedingt der beste Konzerttag“ ist.

Ich möchte hier gar nicht in Diskussionen verfallen, ob und wie das vielleicht ein Hinweis darauf sein könnte, dass bei Tarjas Stimme im Studio getrickst wird. Erstens versucht jeder Sänger, im Studio das Beste aus der eigenen Stimme rauszuholen, zweitens müssen wir nicht über die krasse Gesangsleistung der Finnin reden, die wieder und wieder auf Konzerten bewiesen wurde. Aber selbst die bestgeölten Maschinen haben mal einen kleinen Produktionsfehler.

Fazit: Vielleicht war es nicht der beste Moment für Tarja Turunen, um ein Livealbum aufzunehmen. Bei allem, was auf diesem Album richtig gemacht wurde, trübt die ungewohnt kantige Performance der Sängerin das Gesamtbild leider etwas. Sound, Setlist und Artwork lassen wie üblich sehr wenig zu meckern übrig, auch die großartigen Instrumentals werden wunderbar auf die Bühne gebracht. Ansonsten ist das Album leider nicht ganz so nah an der Perfektion wie sein Vorgänger. Für Tarja-Fans gibt es natürlich auch wieder Grund zur Freude darüber, wie die Songs live funktionieren und das Publikum mitfiebert. Ansonsten ist „Act II“ mehr ein Zeichen von Menschlichkeit und der Beweis dafür, dass ausführliches Touren selbst die härtesten Eisen noch auf den Amboss bringen kann. Ich respektiere Tarja und kritisiere sie nicht dafür, nicht auf jedem Konzert gleich gut zu klingen, jedoch muss ich zugeben, dass „Act I“ die Live-Qualitäten dieser fabelhaften Frau doch besser auf Tonträger bannt als dieses Album.

Tracklist:

CD 1:
01 No Bitter End
02 500 Letters
03 Eagle Eye
04 Demons In You
05 Lucid Dreamer
06 Shameless
07 The Living End
08 Calling From The Wild
09 Supremacy
10 Tutankhamen / Ever Dream / The Riddler / Slaying The Dreamer

CD 2:
01 Goldfinger
02 Deliverance
03 Until Silence / The Reign / Mystique Voyage / House of Wax / I Walk Alone
04 Love To Hate
05 Victim of Ritual
06 Undertaker
07 Too Many
08 Innocence
09 Die Alive
10 Until My Last Breath

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VÖ: 27. Juli 2018
Genre: Symphonic Rock
Label: Earmusic

Tarja im Web:

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