Tanzwut – Seemannsgarn (CD-Kritik)

Tanzwut

Die Wut packt uns wieder – die Tanzwut. Seit über 20 Jahren ziehen die Mittelalter-Rocker von TANZWUT, die sich 1997 gründeten, nun schon durch die Lande und überzeugen dabei mit ihrer außergewöhnlichen Mixtur aus mittelalterlichen Melodien (Marktsackpfeife, Schalmei) gepaart mit elektronischen Beats ihre Hörerschaft. Ungeachtet von diversen Line-Up Wechsel, die die Band in der Vergangenheit vollzogen hat, sind die Berliner ihrem Stil stetig treu geblieben. Drei Jahre nach dem letzen Output „Schreib Es Mit Blut“ (2016) setzten die Berliner um Mastermind TEUFEL nun endlich ihre musikalische Reise fort. „Seemannsgarn“ – so lautet der Titel ihres nunmehr 11. Studioalbums, das am 7. Juni 2019 via AFM Records erscheint.

Der Silberling umfasst insgesamt 14 Tracks und liefert so langwierige Spiel- und Hörfreude. Die Mittelalterrocker kommen gleich zur Sache und so ist der erste Track auch gleich namensgebend für den Langspieler. „Seemannsgarn“ leitet melodisch und klangvoll in das Album ein. Die mittelalterlichen Elemente, wie der Dudelsack sind klar erkennbar, aber man erkennt schon früh, dass das Album, wie auch so manche Vorgänger, deutlich in eine härtere Richtung einschlagen wird. Das Tempo geht mit etwas Druck von hinten leicht nach vorne und das Schlagzeug treibt stetig voran. Ein äußerst gelungener Einstieg. Eine ordentliche Schippe wird in „Galgenvögel“ draufgelegt. Deutlich düsterer und mit mehr Tiefe startet der Song und auch der Gesang wirkt noch etwas tiefer als gewohnt. Dafür steht zu Beginn von „Reden ist Silber“ ganz klar der Dudelsack im Vordergrund. Was anfänglich noch sehr rockig klingt, ist nach schon einigen Zeilen deutlich abgeflaut und klingt deutlich melancholischer. Der Rhythmus ist aber beständig und so ist der Song auch in seinem ruhigen Tempo ein Ohrenschmaus. Eine ähnliche Stimmung nur etwas düsterer wird im folgenden Song vermittelt. Der dazu sehr passende Titel lautet „Die letzte Schlacht“. Hier bekommt man aber nach knapp einer Minute ordentlich auf die Ohren. Eine präzise Steigerung des Tempos und der Intensität sind deutlich erkennbar und zieht sich immer weiter durch den Track. Kritisch und kraftvoll äußert sich die Band in „Schwarzes Gold“. Der Text ist ein erhobener Zeigefinger („die Welt zergeht“) und zeigt unmissverständlich die Missstände in unserer Gesellschaft auf. Auch die Instrumente zelebrieren eine äußerst bedrohliche, aber dennoch immer weiter nach vorne treibende Stimmung. „Ich bin der Nachtwind“ wirkt im Anschluss fast schon gespenstisch langsam. Die Ballade zieht sich tief zurück nur um dann in voller Intensität die Stimmgewalt von Sänger Teufel zu zelebrieren. Ab dem zweiten Drittel steigen auch alle Instrumente in voller Tiefe mit in den Song ein und liefern so ein klanggewaltiges Erlebnis. Seemannsgarn ist bis hierher wahnsinnig abwechslungsreich gestaltet und für jeden Geschmack sollte das richtige dabei sein. So erfinden sich die Mannen auch in „Puppenspieler“ wieder neu. Eine mitreisende Melodie, ein eingängiger Text mit klarem Rhythmus sorgt für Ohrwurm- garantie. Der nächste Song „François Villon“ ist dem gleichnamigen französischem Dichter gewidmet, der von 1431 – 1463 in Paris gelebt hat. Bekannt wurde er zwar durch seine kriminellen Machenschaften, wie Raub und Mord, aber vor allem durch seine Werke, die vor allem in der späten Romantik viele Bewunderer fanden. Der Song ist nicht mal annähernd so abenteuerlich, wie Villons Leben, sondern ehrt in eher in zurückhaltender und melancholischer Art und Weiße. Das Kontrastprogramm dazu gibt es dann in „Das Gewissen“. Definitiv DAS Highlight des Albums bisher. Der Rhythmus sowas von eingängig, die Instrumente klanggewaltig und imposant, der Text tiefgründig, aber dennoch leicht verständlich, immer weiter nach vorne treibt der Song und kann von Zeile zu Zeile mehr überzeugen. „Schmiede das Eisen“ ist mit leisen Ambosschlägen unterlegt, die vom Schlagzeug aufgefangen werden. Dieses treibt auch kompromisslos voran und lässt keine Verschnaufpause zu. Ein Song, der von der ersten bis zur letzten Sekunde anpackt und mitreißt. Hebt die Gläser, denn jetzt kommt „Gib mir noch ein Glas“. Ein Trinklied, das eigentlich gar nicht klingt wie ein Trinklied, aber genau deswegen so hervorragend funktioniert. Extrem experimentierfreudig sind die Herren in „Im freien Fall“. Ein bisschen nach Ministry klingen die ersten Sekunden, bis sich wieder darauf besinnt wird, was Tanzwut so richtig gut können – nämlich die Mischung aus klangvollen Dudelsackklängen gepaart mit Neuer Deutscher Härte. „Herrenlos und frei“ leitet bereits druckvoll das (viel zu schnell) kommende Ende des Albums ein und löst eine insgeheime Euphorie in einem aus. Was jetzt zum Schluss folgt, ist das Sahnehäubchen auf dem eh schon üppigen Werk. „Gib mir noch ein Glas“ erklingt zum zweiten Mal, dieses Mal aber in Kombination mit den Deutschrockern von Kärbholz. Vielleicht ist es auch eher die Kirsche auf der Sahne, auf dem Eis. Auf jeden Fall mehr als gelungen.

Fazit: Tanzwut verstehen ihr Handwerk. Sie wissen, was sie tun und wie sie ein abwechs- lungsreiches und eingängiges Album produzieren. Dass also Seemannsgarn ziemlich gut gelungen ist, ist also keine große Überraschung. Allerdings liefert das Album gleicher- maßen nicht besonders viele neue Überraschungen oder Highlights. Weder im positiven, noch im negativen Sinne.

Tracklist:

01 Seemannsgarn
02 Galgenvögel
03 Reden Ist Silber
04 Die Letzte Schlacht
05 Schwarzes Gold
06 Ich Bin Der Nachtwind
07 Der Puppenspieler
08 Francois Villon
09 Das Gewissen
10 Schmiede Das Eisen
11 Gib Mir Noch Ein Glas
12 Im Freien Fall
13 Herrenlos Und Frei
14 Gib Mir Noch Ein Glas (feat. Kärbholz)

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VÖ: 07.06.2019
Genre: Mittelalter / Rock / Alternative
Label: AFM Records

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