Schattenmann – Epidemie (CD-Kritik)

Schattenmann

Kaum eine Band hat in den letzten Jahren mehr von sich Reden gemacht als SCHATTENMANN. Der überraschenden und geheimnisvollen Ankündigung des Ex-Stahlmann Gitarrist Frank Herzig folgten erst einige Single-Auskopplungen und mit „Licht An“ im Frühjahr 2018 ein überaus starkes und gefeiertes Debütalbum. Jetzt ein Jahr später hat die Band schon zahlreiche Konzerte gespielt, die immer wieder eine unfassbar emotionale, durchdachte und auf höchstem Niveau technische Shows sind, und konnten sich als Musiker beweisen. Auch Gigs auf großen Bühnen wie auf dem M´era Luna Festival (2018) und auf dem diesjährigen Plage Noire Festival konnten die Jungs mit Bravour meistern. Nach überraschend kurzer Zeit ist es nun also soweit: SCHATTENMANN legen am 05. Juli 2019 ihren zweiten Langspieler namens Epidemie via AFM Records vor.

Den epochalen und geheimnisvollen Einstieg liefert „Schattenland“, ein Song, der innerhalb von Sekunden unfassbar viele Emotionen abrufen kann. Zu Beginn noch etwas beklemmend und spannungsaufbauend, nach einigen Sekunden bereits voller Power und Kraft, treibend und mit voller Kraft voraus. Für einen Opener ideal gewählt. Ich muss gestehen, Licht an, war schon auf höchstem musikalischen Niveau produziert, aber ich hatte die Stimme von Frank Herzig als „Live-Stimme“ betitelt, womit ich ausdrücken wollte, dass mir auf der Platte die Tiefe und teilweise die Präzision in der Stimme gefehlt haben. Live hingegen passt die Stimmlage mit allen Ecken und Kanten hervorragend ins Gesamtkonzept. Jetzt bei Epidemie muss ich, positiv überrascht, feststellen, dass sich hier einiges getan hat. Der Gesang ist technisch deutlich besser geworden und auch das experimentieren mit verschiedenen Tonlagen funktioniert deutlich besser als noch auf dem Debütalbum.

„F.U.C.K.Y.O.U.“ überrascht mit einem melodischen Refrain, den man so gar nicht von SCHATTENMANN erwartet hätte. Flotte Tempowechsel führen hier durch den Song und sorgen so für große Kontraste zwischen Strophe und Refrain, was extrem gut funktioniert. Auch das buchstabierte Fuck You, fügt sich als Lückenfüller gut ein. Zwar nicht die kreativste Lösung, aber solange es die gewünschte Wirkung erzieht, gibt es keinen Grund zu meckern. Experimentell, sowohl mit elektronischen Elementen startend, als auch mit gesprochenen Zeilen, ist „Schlag für Schlag“ eine gelungene Abwechslung und wieder eine Überraschung, die der Band mehr als gelungen ist. Der gesungene Refrain baut immer wieder Tempo auf und in Kombination mit den Strophen durchlebt der Hörer in einem Song eine musikalische Bandbreite, die andere Bands nicht einmal in einem gesamten Album bieten können. Es folgt mit „Epidemie“ der Titeltrack. Ein flotter Song, der be- ständig nach vorne prescht, ohne dabei hektisch zu wirken. Gepaart mit hintergründlicher Elektronik hat der Track eine unfassbare Ohrwurmgefahr. Viele werden sich bereits nach einmaligem Hören dabei ertappen den Song vor sich hin zu summen. Danach geht „Wahrheit oder Pflicht“ fast unter. Das soll jetzt nicht bedeuten, dass dieser Titel nicht überzeugen kann, denn auch hier hört man ein musikalisch durchdachtes Werk, allerdings nicht so stark wie einige der Vorgänger. Was aber auch total in Ordnung ist, so ist es ja auf den meisten Alben, dass es ein paar Highlights gibt, die mehr überzeugen können, als andere Songs.

Mit „Ruf der Engel“ liefern SCHATTENMANN eine gefühlvolle, traurig stimmende Ballade. Auch hier kann man deutlich die Entwicklung in der Stimme hören. Bei der letzten Ballade „Gekentert“ wurden trotz ähnlich emotionalen Text weit weniger Emotionen transportiert. Wie bereits beim letzten Album ist die Entscheidung wieder auf eine Ballade als Singleaus- kopplung gefallen. Eine Entscheidung, die ich persönlich nicht nachvollziehen kann. So präsentieren sie sich von einer Seite, die zwar sehr schön, aber nicht wirklich repräsentativ für den Albumverlauf ist. Andererseits ist das auch mal eine nette Abwechslung, nicht immer das Highlight vorab präsentiert zu bekommen. „Kopf durch die Wand“ nimmt das gewohnte Tempo wieder auf und kann mit schnellen Schlagzeugbeats, gepaart mit aus- gefeilten elektronischen Elementen punkten. Klassische Neue Deutsche Härte bekommt man dann mit „Schwarz Religion“ geliefert. Bei diesem Song geht mir das Herz auf. Ein Song gegen alle Heuchler und die, die mit gestreckten Finger auf Szeneanhänger zeigen. Hier hört man ein eindeutiges Bekenntnis, wenn nicht sogar eine Liebeserklärung an die Schwarze Szene. Wundervoll – einfach nur wundervoll. Mit „Gewissen“ kommt im Anschluss der erste Song, der mich nicht überzeugen kann. Musikalisch sicher auch auf sehr hohem Niveau, aber der gewisse Kick fehlt mir hier leider, wenn auch das exzellente Gitarrensolo viel wieder gut macht.

Ich kann mich nicht dagegen wehren, aber wenn der Track „Darkroom“ läuft, muss ich automatisch an Eskimo Callboy denken. Ein bisschen poppig, schneller Sound und ein flotter Text – macht auf jeden Fall Laune. Gegen Ende wird es nochmals gefühlvoll. Nach „Ruf der Engel“ folgt mit „Nadel und Faden“ eine weitere Ballade. Ebenso gefühlvoll und emotional. Müsste ich ein Ranking erstellen, würde ich Nadel und Faden ganz oben, sogar noch vor „Gekentert“ platzieren. Hier passt wirklich alles, vom ersten bis zum letzten Ton. Damit man das Album aber mit einer positiven Stimmung abschließen kann, gibt es zum Abschluss eine flottere Nummer. „Phantom“ kann mich aber leider nicht überzeugen. Ein Song, der zwar abwechslungsreich ist, aber vielleicht auch genau deswegen, einfach nicht im Kopf bleiben will. Die Melodie verfliegt schon einige Sekunden nach dem Hören wieder und ist leider nicht beständig.

Fazit: Epidemie hat alles, was ein gutes Album braucht – ein klares Highlight, gefühlvolle Balladen, nach vorne treibende Powersongs. Die Entwicklung im Vergleich zum Debüt- album ist wirklich enorm. Man merkt, dass viel und konzentriert an den Stücken geschrieben und gefeilt wurde. Auch wenn der Gesang in meinen Augen stellenweise noch nicht zu 100 % harmoniert, hat man auch hier eine deutliche Steigerung bemerkt. SCHATTENMANN können mal wieder mehr als Überzeugen und das Hören macht wirklich Spaß. Gerne mehr davon in den nächsten Jahren.

Tracklist:

01 Schattenland
02 F.U.C.K.Y.O.U.
03 Schlag für Schlag
04 Epidemie
05 Wahrheit oder Pflicht
06 Ruf der Engel
07 Kopf durch die Wand
08 Schwarz = Religion
09 Gewissen
10 Darkroom
11 Nadel und Faden
12 Phantom

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VÖ: 05.07.2019
Genre: NDH, Industrial, Metal
Label: AFM Records

SCHATTENMANN – Epidemie Tour 2019

02.10.2019 Wuppertal, Underground
03.10.2019 Bielefeld, Movie
04.10.2019 Hannover, Musikzentrum
05.10.2019 Hamburg, Bahnhof Pauli
12.10.2019 Weinheim, Café Central
24.10.2019 Berlin, Maschinenhaus
25.10.2019 Dresden, Puschkin
26.10.2019 Erfurt, From Hell
02.11.2019 Oberhausen, Kulttempel
14.11.2019 Frankfurt/M., Das Bett
15.11.2019 CH-Aarburg, Musigburg
16.11.2019 München, Backstage

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