Erdling – Dämon (CD-Kritik)

Erdling

Das Album Nummer drei der NDH/Dark Rock Gruppe Erdling trägt den Titel „Dämon“ und erscheint am 27. Juli 2018 über Out Of Line. Das Rock-Kollektiv rund um Sänger Neill Freiwald liefert uns 12 neue Songs im Umfang von 47 Minuten, darunter die Singles „Tieftaucher“ und „Wieso Weshalb Warum“.

Los geht das Album mit der Bandhymne „Erdling“, ein Song, der der DNA der Gruppe des Sohns von Fernsehmoderator Walter Freiwald voll und ganz entspricht. Textlich kein Highlight, erinnert dieser Song doch ein wenig an Songs wie „Mein Element“. Ein guter Opener, da er durch seine starke Melodie die Platte gut lostritt. Ähnlich sieht es mit der Single „Tieftaucher“ aus, auch hier wirken die Lyrics ein bisschen klischeehaft, doch die Elektro-Melodien, die Riffs und vor allem der Refrain sind typisch Erdling. Anders ist es mit dem Song „Nichts als Staub“, der ordentlich Dampf aufwirbelt und fast schon Metal-artig schmettert. Das erinnert in den Strophen ein bisschen an das, was Eisbrecher auf ihrem letzten Album machten. Der Refrain ist treibend und schön krachig, der Text hingegen klingt etwas phrasenhaft sozialkritisch, ohne wirklich konkret zu werden. Eingängig und ein bisschen emotional ist der Song auf jeden Fall. Emotional geht es auch auf „Schau nicht mehr zurück“ weiter, der wie so manches klingt, was man von Gruppen wie Revolverheld kennt. Fast schon Radio-Rock bietet diese sehr intensive Ballade, mit sehr schönen Vocals, aber ohne wirkliche lyrische Highlights, auch wenn die Textstruktur ziemlich gut funktioniert. Wohl einer der ergreifendsten Erdling-Songs, mit recht simplem Gitarrensolo und teilweise Unheilig-esken Melodien, sehr bewusst auf Gefühl getrimmt. Lyrisch gibt es aber auch hier nicht viel Ungehörtes. Ähnlich ist es auf „Wieso Weshalb Warum“, das mit einigen „Miststück“-Allüren im Instrumental daherkommt. Neills Vocals kommen hier in ungewohnt hohem Tempo, metalhaft, treibend. Man kann fast schon Parallelen zum Nu-Metal ziehen. „One Step Closer“ von Linkin Park kommt mir ins Gedächtnis. „Maschinenmensch“ währenddessen klingt sehr nach einem Song aus der Feder von Alex Wesselsky, von der Performance, der Melodie und dem Refrain. Der Song knallt ziemlich gut und die Hook weiß auch zu überzeugen. Aber im Großen und Ganzen hat man das Gefühl, dass es Erdling auch auf Platte Nummer drei noch an einem eigenen Sound fehlt. „Tod und Teufel“ wäre vielleicht ein guter Ausgangspunkt für die Soundrichtung eines möglichen vierten Albums, denn dieser Song ist ziemlich geil, sehr zügig, garniert mit einigen der besten Vocals der Platte und mit sehr starkem Instrumental. So etwas darf, genau wie Songs nach Art von „Ungeheuer“, gerne mehr kommen. Letzterer liefert einen ziemlich coolen Spannungsbogen, schöne Kontraste zwischen harten Gitarren und Brüllern von Neill, der hier so düster und bedrohlich klingt wie selten zuvor, und unheilverkündetem Sprechgesang in den Strophen. Ein bisschen System Of A Down schwingt da schon mit. „Winterherz“ hingegen ist nicht ganz so spannend wie seine Vorgängersongs, klassische Rock-Ballade, die von der Emotion allein schon nicht ganz an „Schau nicht mehr zurück“ heranreicht. „Ich will raus aus meinem Körper, weil ich schon viel zu viel gefühlt hab‘“ klingt auch ein bisschen wie aus der Klischeekiste gegriffen. Muss man nicht machen. Die Emotion, die auf der vorherigen Ballade noch ziemlich authentisch, aber auch etwas plakativ wirkte, klingt hier eher plastisch und irgendwie unspannend. Wenigstens der C-Teil ist noch ganz cool. „Im Labyrinth“ ist mit über 5 Minuten der längste Song auf der Platte. Der Song ist mehr oder weniger eine Power-Ballade, der sich mit dem „Labyrinth der Liebe“ beschäftigt. Ein paar Zeilen sind ganz gut, aber das Thema „Wir haben uns mal geliebt, aber du hast mich enttäuscht und mich kaputtgemacht, und ich habe alles für dich getan“ hat sich über die Jahre auch ein bisschen abgenutzt. Da freut man sich, dass „Die Zeit hält alle Wunden“ wieder etwas härter gerät, auch wenn die Parallelen zum Song „Bastard“ von Stahlmann im Instrumental für mich schwer zu überhören sind. Dem Stahlmann-Nebenprojekt Sündenklang gehörte Neill früher an, also ist eine Beziehung zwischen den Bands definitiv gegeben. Im Refrain werden uns ein paar Sprichworte um die Ohren geworfen, von „Besser spät als nie“ und „Wer nicht hören will, muss fühlen“ ist alles dabei. Was genau das jetzt soll, weiß ich nicht, ich habe Songs, die ein paar Merksätze aneinanderreihen, nie viel abgewinnen können. (Bestes Beispiel: Der unerträgliche Song „Die Weisheiten des Lebens“ von Unheilig) „In meinen Ketten“. Auf den letzten Metern jedoch wird uns ein sehr düsterer Song mit typischer Erdling-Hook geboten, Neill röchelt die Strophen hier fast schon, das Instrumental ist dramatisch und verkündet Gefahr, einige Soundspielereien sorgen für einen guten NDH-Song, der trotz allem so ein bisschen nach den Kollegen aus München klingt, die letztes Jahr mit ihrem Album „Sturmfahrt“ die Chartspitze kenterten.

Fazit: Nach dem Hören von „Dämon“ sollte klar sein, dass Erdling langsam, aber sicher den Pfad der Selbstfindung beschreiten. Sonderlich innovativ ist ein Großteil des Albums nicht, und viele der Songs hätten auch von anderen Bands in dieser Form kommen können. Doch ich glaube, dass dieses Album eine Aussicht darauf gibt, dass Erdling sich dem bisherigen Soundgemisch aus Eisbrecher und Lord Of The Lost langsam entwinden können und vielleicht ein musikalisches Alleinstellungsmerkmal bekommen könnten. Das Album ist handwerklich gut und definitiv mehr als hörbar. Aber ein paar Schritte sind noch nötig, damit diese Kapelle unverkennbar wird. Das Potential, das der Band seit dem Debüt „Aus den Tiefen“ attestiert wird, ist nach wie vor gegeben, aber bis die Jungs dieses Potential endlich komplett nutzen, bleiben eine Handvoll guter Nummern wie „Tod und Teufel“ und „Ungeheuer“, und dazwischen viel, das zwar ganz cool klingt, aber einen Funken vermissen lässt.

Tracklist:

01 Erdling
02 Tieftaucher
03 Nichts als Staub
04 Schau nicht mehr zurück
05 Wieso Weshalb Warum
06 Maschinenmensch
07 Tod und Teufel
08 Ungeheuer
09 Winterherz
10 Im Labyrinth
11 Die Zeit heilt alle Wunden
12 In meinen Ketten

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VÖ: 27. Juli 2018
Genre: NDH – Dark Rock / Industrial Metal
Label: Out Of Line

Erdling im Web:

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