Emigrate – A Million Degrees (CD-Kritik)

Emigrate

Als Gitarrist von Rammstein hat Richard Kruspe alles erreicht, was man als Musiker erreichen kann: Platinalben, umjubelte Konzerte auf dem gesamten Erdball, aufgeregte Debatten, Kritik – und am Ende höchste Feuilleton-Weihen. Doch es gibt noch einen anderen Richard Kruspe. Mit seinem Soloprojekt EMIGRATE trat er 2007 erstmals als Sänger und Hauptkomponist ins Licht und erreichte auf Anhieb beste Chartnotierungen. (Quelle: Pressetext)

Das Rammstein-Kraftwerk setzt sich wieder in Bewegung: 2019 steht nach zehn Jahren das neue Studioalbum des Industrial-Rock-Exportschlagers an. Während Sänger Till Lindemann im Moment noch mit der albumgewordenen, bitterbösen Brachial-Komödie „Skills In Pills“ seines Projekts Lindemann (Release 2015) durch Russland tourt und Drogen, tabuisierte Sexpraktiken und die Vorzüge der Transsexualität besingt („Ladybooooooy! He is my toy boy!“), lebt sich der charismatische Gitarrist Richard Z. Kruspe mit seinem musikalischen Nebenprojekt Emigrate aus, das nun, vier Jahre nach dem Vorgänger „Silent So Long“, das dritte Album mit dem Titel „A Million Degrees“ hervorge- bracht hat.

Das Prinzip des Projekts: Alles ist möglich. Schon vorher schmetterte Richard Z. Kruspe Songs mit Künstlern wie Peaches, Lemmy Kilmister und Marilyn Manson dahin und bediente sich verschiedenster Einflüsse aus der Welt des Alternative Rocks, Pops und hier und da auch der klassischen Gothic-Schiene. Auch auf dem neuen Album findet sich eine stilistische Bandbreite von fast schon Radio-Rock-artigen Balladen („You Are So Beautiful“, dessen Intro ein wenig nach „Chasing Cars“ klingt) bis hin zu beinahe punkigen Durchbürstern à la „1234“. Aber gehen wir mal schön der Reihe nach.

Lässt man die Nadel auf die äußerste Rille der Schallplatte sinken (oder, neudeutsch, drückt man bei Spotify auf den Play-Button), wird man als erstes mit dem episch-langsamen, brummenden „War“ begrüßt. Massiv und gesellschaftskritisch geht es hier zur Sache – keine Wunder, dass sich Kruspe einen gewissen Serj Tankian als Gastmusiker für den Song gewünscht hatte. Dieser lehnte das Angebot jedoch ab, da er meinte, sein Input sei nicht nötig, um diesen Song zu verbessern. Recht hatte er: Das ist mit Leichtigkeit einer von Richards besten Songs bisher. Weiter geht es mit „1234“, welches mit Benjamin Kowalewicz (Billy Talent) das erste Duett darstellt. Krachig und wie für die Bühne gemacht knallt dieses Brett wie ein zweites „Eat You Alive“ daher, und die charismatische und kratzige Stimme von Benjamin trägt viel zu dem Charme des Songs bei. Sehr coole Nummer.

RZK beweist sich auf diesem Album an vielen Stellen als großer Martin Gore-Fan. An so manchen Stellen klingen die Harmonien sehr Depeche Mode-esque. Track Nummer 3, der Titelsong der Platte, ist das erste Indiz für das, was sich im Laufe des Albums noch deutlicher herauskristallisieren wird: der melodische Charakter der Songs, jenseits der stampfenden Rammstein-Klangwände. „Lead You On“ hingegen hat einige klassische, hymnische Gothic-Vibes mit Sisters Of Mercy-Unterton. Mit am Mikrophon: Die vergleichsweise wenig bekannte Margaux Boisseux, Richards Partnerin. Hier zeigt sich, dass es sich manchmal durchaus lohnen kann, die Lebensabschnittsgefährt*innen auf die eigenen Songs einzuladen – das Zusammenspiel funktioniert wunderbar.

Richards Familie bleibt auch weiterhin ein Thema: Im Musikvideo zur zweiten Single „You Are So Beautiful“ spielt die gemeinsame Tochter von Kruspe und Boisseux die Hauptrolle. Der Song selbst scheut sich nicht vor einer gewissen Massentauglichkeit und kommt mit wirklich schönem Instrumental daher, dennoch hat man das Gefühl, dass Richards Stimme doch nicht so ganz in diese Snow Patrol-mäßigen Instrumentals reinpasst. Musikalisch hochwertig, gesanglich zwar sehr hörbar, aber hier hätte sich vielleicht ein anderer Sänger etwas besser geschlagen. Richtig gut wird es aber wieder auf dem nicht einmal ganz drei Minuten langen „Hide And Seek“ – groovy, cool und ein schöner Schwung Energie. Geiles Ding, versehen mit einem sehr ordentlichen Solo. Ein sehr geiler Rocksong.

Wenn die ersten Klänge von „We Are Together“ das Ohr des geneigten Hörers ereilen, liegen die Depeche Mode-Vergleiche wieder sehr nah. Die Strophen klingen wunderschön, hier integriert sich Richards Gesang wieder ausgezeichnet, aber mit dem Refrain werde ich nicht so ganz warm. Irgendwas ist da in der Harmonie des Refrains, das der melancholischen, sphärischen Stimmung der Verses ein bisschen entgegenwirkt. Der Text ist ganz schön, aber wenn Richard um die Dreieinhalb-Minuten-Marke versucht, stimmlich den Sopran zu erkunden, ist das ein kleiner Dämpfer für die Atmosphäre. Das Solo ab Minute vier klingt zwar wieder ganz ordentlich, aber leider ist dieser Song nicht so stark, wie er hätte sein können – und mit sechs Minuten auch ein wenig zu lang.

Danach kommt der Song, auf den wohl die meisten Leute gewartet haben: Eine Ode auf die Freundschaft zusammen mit dem Sänger des „Mutterschiffs“, Till fucking Lindemann himself. „Let’s Go“, entstanden nach den Aufnahmen zum 2005er-Rammstein-Album „Rosenrot“, beschäftigt sich mit der langjährigen engen Freundschaft der beiden ostdeutschen Originale, und funktioniert in diesem Kontext sehr gut. Vor allem, weil es erfrischend wenig nach Rammstein klingt. Die Synthies flöpeln daher, der Refrain klingt hymnisch und nach friedlicher Eintracht. Fast wie ein zu einem komplexen Rocksong aufgepushter Lagerfeuer-Song, den man mit Freunden beim gemeinsamen Zelten singt. Till und Richard klingen zusammen sehr anständig und holen beide vieles aus ihren Gesangsstimmen heraus – ein wirklich cooler Song.

Zeit für den nächsten Hochkaräter: Der Kardinal zieht ein! Ghost-Sänger Tobias Forge, das einzige non-anonyme Mitglied der schwedischen Metalgruppe tritt auf „I’m Not Afraid“ in Erscheinung. Der Song erinnert sehr an manche Momente der letzten Emigrate-Platte, die ich zwar im Großen und Ganzen recht gut, aber bis auf „Eat You Alive“ und „Hypothetical“ als nicht wirklich spektakulär empfand. So ist auch dieser Song an sich ziemlich gut, aber wirkt eher wie ein Albumsong und ist nicht das Highlight, zu welchem bei dieser Kombination von Künstlern das Potenzial da gewesen wäre.

Gott sei Dank kommt danach „Spitfire“, mit einem zügigen Riff, einem zur Erfrischung mal nicht peinlichen „Nanana“-Part und zweieinhalb Minuten Coolness, ähnlich dem Song „Hide And Seek“ ein paar Anspielstationen früher. Fun Fact: Für diesen Song sollte eigentlich Iggy Pop als Gast auftreten. Da dieser jedoch einen Wasserschaden in seinem Haus hatte (ähnlich wie Richard, dessen Studio während der Arbeit an diesem Album plötzlich unter über 1000 Litern Wasser stand, was zur Zerstörung aller ursprünglichen Aufnahmen führte), fiel diese Zusammenarbeit im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser.

Den Schlussstrich zieht das düstere, mystische und bedrückende „Eyes Fade Away“, das die Geschichte einer Überdosis zu erzählen scheint („The final way to overmedicate“). Ein gleichermaßen bedrückendes und eindrucksvolles letztes Statement auf dieser sonst von anderen Kritikern als sehr positiv gewertete Platte. In den langsamen Beat des Songs werden Atemgeräusche und flackernde Gitarren mit wenig Verzerrung eingebaut, und ein letztes Mal holt Richard auf diesem Album zu einem musikalisch großen Schlag aus. Ein wirklich gutes Finale für diese musikalische Reise.

Fazit: Album Nummer drei von Emigrate: Starker Anfang, starkes Ende, viel Gutes, einiges Mittelmäßiges, manches Beeindruckendes, gelegentlich aber auch eher Vergessliches. Aber: alles merklich voller Herzblut. „A Million Degrees“ überzeugt im Großen und Ganzen mit einigen Momenten wirklich brillanten Songwritings („War“, „Eyes Fade Away“), der einen oder anderen Feiernummer („1234“, „Hide And Seek“) und einigen sehr gelungen Kooperationen („Lead You On“, „Let’s Go“). Die besten Songs der Platte befinden sich zwar eindeutig auf der A-Seite der Scheibe, aber ohne wirkliche Negativausfälle in der zweiten Hälfte des Albums kommt das Album dann doch noch zu einem sehr gelungenen Ende. Das Highlight des Albums ist zweifelsohne „War“, andere sehr gute Momente sind „Hide And Seek“, „Let’s Go“ und „Lead You On“ – und, nicht zu vergessen, der Closer.

Tracklist:

01 War
02 1234 (feat. Benjamin Kowalewicz)
03 A Million Degrees
04 Lead You On (feat. Margaux Bossieux)
05 You Are So Beautiful
06 Hide And Seek
07 We Are Together
08 Let’s Go (feat. Till Lindemann)
09 I’m Not Afraid (feat. Cardinal Copia)
10 Spitfire
11 Eyes Fade Away

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VÖ: 30.11.2018
Genre: Alternative Rock
Label: Vertigo Berlin

Emigrate im Web:

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