Blutengel – Un:Gott (CD-Kritik)

Blutengel

Wenn ein neues Blutengel-Album ins Haus steht, also so ziemlich alle zwei Jahre, weiß man, was einen erwartet. Frei nach dem Motto „Never change a running system“ produziert Chris Pohl zusammen mit Gesangspartnerin Ulrike Goldmann mit großer Regelmäßigkeit handwerklich wirklich gute Platten. Das Schema ist etwa Folgendes: Album Mitte Februar, Tour in den Sommer rein, eventuelle Festival-Shows, eine weitere Veröffentlichung Ende desselben Jahres, weitere Konzerte, neues Album. Das hat sich bewährt, und funktioniert auch gut für die Berliner Dark Pop-Gruppe. Natürlich wird dadurch auch klar, dass das Rad auch auf „Un:Gott“ nicht neu erfunden wird. Wo Blutengel drauf steht, ist es dann eben auch drin. Wer da ein Fan von ist, hat mit diesem Album genauso viel Spaß wie mit den letzten Veröffentlichungen, wer es schon immer scheiße fand, wird seine Meinung hier nicht ändern. Ich für meinen Teil bin vielleicht kein Fan – im Vergleich zu der Verbindung, die andere Fans zu der Band haben, empfände ich es als respektlos gegenüber ihrer Passion, mich mit ihnen gleichzusetzen – aber auf jeden Fall bin ich ein Sympathisant. Sowohl für die Songs – „You Walk Away“, „Behind The Mirror“ oder „Ordinary Darkness“ sind schon ganz ordentlich – als auch für Chris Pohl selbst, mit dem ich zwar nicht viel zu tun hatte, der auf mich aber immer recht entspannt und freundlich wirkte.

Auch auf diesem Album gibt es also vieles, was ich als anständig und gut empfinde. Was mir jedoch leider fehlt, ist der Kick, der dieses Album für mich als wirklich richtig gut dastehen lässt. Es ist halt sehr typisch Blutengel, zwar besser und düsterer als auf „Leitbild“, aber ansonsten viel Bekanntes. Die Themen von Chris Pohl haben sich nicht geändert, es geht um Religion, Gott, Lucifer, Vampire, Tod, Liebe und dergleichen. Ich kann zwar durchaus anerkennen, dass sich auf „Un:Gott“ an so mancher Stelle an Sozialkritik versucht wird – zum Beispiel auf „König“, „Praise The Lord“ oder „Teufelswerk“ – aber Blutengel punktet halt nicht wirklich mit geilen Texten, sondern eher mit Catchiness, düsterer Atmosphäre, tollen Produktionen und einem gewissen Hitfaktor. Wenn der dann ausbleibt, sind das zwar immer noch grundlegend ganz gute Songs, aber da man bei Blutengel mittlerweile eh immer einen gewissen Erwartungshorizont anlegt, kann man das dann auch nicht mehr so wirklich wertschätzen. Songs schreiben ist eben auch ein Handwerk, das man irgendwann erlernt hat, und das Chris Pohl sehr gut beherrscht. Dennoch höre ich Songs wie „König“ und mag zwar vieles an dem Song, aber weiß genau, dass ich, wenn ich irgendwann mal Bock habe, Blutengel zu hören, nicht unbedingt diesen Song anmache.

Anders ist das aber bei „Surrender To The Darkness“ – es ist immer wieder schön, Ulrike Goldmann singen zu hören. Dieser Song punktet vor allem durch die gute Bridge und den schönen Kontrast aus den Stimmen von Chris und Uli. Auch „Alles“ ist eine Nummer, bei der die altbewährte Formel mal wieder ihre anhaltende Wirkung beweist. Wenn der nicht einen Ehrenplatz auf der Setlist der kommenden Tour erhält, kaufe ich mir ein Modern Talking-Album. Eines meiner Highlights jedoch: „I’m Alive“ – was für ein giftiges Instrumental! Das könnte ja schon fast Industrial sein und erinnert hier und da auch an das gute alte Terminal Choice. „Seductive Dreams“ ist ein Ulrike-solo-Song, wovon es von mir aus gerne auch mal so drei, vier pro Platte geben könnte, und Ulrike kann mit ihrem Gesang jede textliche Plattitüde wettmachen.

Darüber hinaus sei hier auch die sehr exzellente Single-Wahl der Band zu erwähnen. Im Vorfeld zu dieser Platte hörten wir Songs wie „Vampire“ (quasi „Black“, Volume 2), „Surrender To The Darkness“ (hübsche Melodie und geile Bridge), „Am Ende der Zeit“ (tja, der hätte so auch auf der „Tränenherz“ sein können) und „Morningstar“ (geschenkt, dass der Titel eigentlich aus zwei Worten bestehen müsste, wird hier sehr stilvoll mit E-Gitarren und Kirchenorgeln ein sehr geiles Instrumental geschustert, und der Refrain ist fast schon eine kleine Hymne). Damit konnte man den Fans den Mund gewohnt gut wässrig machen, und auch ich freute mich über die Singles dieser Ära um einiges mehr als über die Vorboten des letzten Albums.

Eine Sache muss jedoch mal betont werden: Wir können auch durchaus mal drei Jahre auf eine Blutengel-Platte warten. Hin und wieder denke ich mir auf dem Album „Ja, da hätte man mal noch einen weiteren Gesangstake aufnehmen können“, oder „Wenn man da nur noch ein kleines bisschen gefeilt hätte, wär das richtig gut geworden“. Auch fällt mir hier etwas auf, das ich in dieser Form noch nicht so direkt bemerkt habe: an einigen Stellen ist dieses Album sehr repetitiv. Der Dreiwortrefrain von „Praise The Lord“ wird unglaublich oft wiederholt, der Vier-Zeilen-Text des Intros „Together As One“ wird insgesamt fünf Mal gesungen (und das mit viel zu leise gemischten Hintergrund-Vocals von Ulrike) – da hätte ein bisschen mehr Fine Tuning echt nicht schaden können. Damit wären dann auch die Songs, die halt als ganz gute Blutengel-Songs auf dem Album existieren, vielleicht auch richtig gute Blutengel-Songs geworden.

Fazit: Blutengel ist Blutengel ist Blutengel. Die Erkennungsmerkmale sind bekannt, die Qualitäten bleiben, ebenso bleiben die Kritikpunkte. Schön zu hören, dass ein Song wie „I’m Alive“ dann doch mal ein bisschen neuen Wind reinbringen, ansonsten ist es aber der übliche hochwertige Dark Pop. „Un:Gott“ ringt mir ein zustimmendes Nicken ab, ich bin äußerst zufrieden, aber nicht überwältigt. Die Erwartungen wurden wie immer erfüllt. Dass Chris Pohl nicht unbedingt den Anspruch hat, sie zu übertreffen, ist sein gutes Recht, er weiß ja, was er kann. Und ich kann mich mit dem Album wirklich gut begnügen. Ich hebe hervor: „I’m Alive“, „Seductive Dreams“ und die Singles.

Tracklist:

01 Together As One
02 Into The Void
03 König
04 Praise The Lord
05 Not My Home
06 Alles
07 Seductive Dreams
08 Vampire
09 Surrender To The Darkness
10 I’m Alive
11 Am Ende der Zeit
12 Teufelswerk
13 Resurrection Of The Light
14 Morningstar
15 The Last Song

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VÖ: 15.02.2019
Genre: Dark Pop
Label: Out Of Line

Blutengel „Un:Gott“ Tour 2019
+ Support: MASSIVE EGO

26.04.2019 München – Freiheiz
27.04.2019 Pratteln (CH) – Z7
28.04.2019 Losheim – Hexentanz Festival
10.05.2019 Erfurt – Gewerkschaftshaus
11.05.2019 Köln – Live Music Hall
12.05.2019 Dortmund – FZW
18.05.2019 Hamburg – Große Freiheit
25.05.2019 Dresden – Alter Schlachthof
15.06.2019 Berlin – Astra Kulturhaus
17.08.2019 W-Fest – Belgien

Blutengel im Web:

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