Bianca Stücker – The Glass Coffin (CD-Review)

Bianca Stücker

70% Synthetik, 20% Cembalo und 10% Hackbrett, das ergibt lässigen Elektro-Hackbrett-Finsterpop. Dargeboten wird es von einer klugen und schönen Grufti-Frau … was will ich mehr? – Mark Benecke. Damit hat der coolste Doktor aller Zeiten schon perfekt zusammengefasst, was es mit dem ersten Album von Bianca Stücker auf sich hat. Oder vielmehr, dem ersten Soloalbum, das die talentierte Renaissance-Frau unter eigenem Namen veröffentlicht. Denn, nebenbei bemerkt, Stücker macht nicht nur Musik, sondern schreibt schräge Romane und pointierte Kolumnen, tätowiert und lehrt in ihrem eigenen Tanzstudio Orientalischen Tanz und Tribal Fusion. The Glass Coffin folgt auf eine ganze Reihe von Projekten, in denen sie schon seit 1999 ihre musikalischen Visionen realisiert hat. Ihre Bands tragen Namen wie The Violet Steam Experience, Ensemble Violetta oder The Violet Tribe und speisen ihren dunklen Pop gern mehr oder weniger stark aus mittelalterlichen Klängen oder Renaissance-Musik – Stile, zu denen die Sängerin als ausgebildete Kirchenmusikerin und promovierte Musikwissenschaftlerin eine besondere Beziehung hat. (Pressetext)

„The Glass Coffin“ erschien am 17. November 2017 mit 13 Songs über Equinoxe Records. „The Other Me“ führt mit schönem elektronischem und leicht retro anmutendem Beat in das Werk von Bianca Stücker ein. Ihr Gesang ist absolut überraschend, hat man sich doch erst mal auf was anderes eingestellt: Da singt eine Soullady! Im Hintergrund blubbern und wummern die elektronischen Sounds. Dazu kommt noch ein akustisches Hackbrett! Das ist eine reizvolle, gar lustvolle Durchkreuzung der Hörgewohnheiten. So geht es weiter mit dem lasziv langsamen „In the Midst of Life“ mit seinem wiegenden Rhythmus, der ein bezaubernd orientalisches Flair mitbringt. Ganz anders ist „Something to Remember“, das den Groove von Sängerinnen wie Amy Winehouse raushaut, aber auf dem Cembalo. Der „Automat“ knarzt und brummt, das Schlagzeug klingt wie in einem Kellerclub gespielt und dazu weiß die Dame am Cembalo die zartesten Klänge aus ihrem Instrument zu locken. Das wirkt mit viel Charme wie aus dem Beat-Club der 60er Jahre. Eine Spieluhr entfaltet sich als Hookline in „The Glass Coffin“ und dieser spezielle Klang verführt zu diesem Bild vor dem inneren Auge, in dem die märchenhaften Schönheiten anstatt zu tanzen im gläsernen Sarg ausharren müssen. „In the Parlor“ beweist, dass Cembalo, Hackbrett und Blues sich nicht zwangsweise ausschließen müssen. Warum auch, wenn es mit Biancas Gesang so bezaubernd klingt? Elegische Klänge tragen „La Pascualita“ zu Gehör. Dieses Stück hat einen südamerikanischen Tango-Einschlag und handelt von der recht morbiden Geschichte einer Schaufensterpuppe, die angeblich die mumifizierte Tochter des Ladens sei, die in ihrer Hochzeitsnacht verstarb. Diesen Laden gibt es in Mexiko wirklich, wo seit über 80 Jahren diese Puppe im Schaufenster steht und ungefähr so alt ist auch dieses Gerücht um die Herkunft der Puppe. „The Thief“ darf wieder mit einem bluesigen Basslauf und Cembalo diese schöne laszive Atmosphäre kredenzen, die dieses Album so sehr ausmacht. Ganz alter analoger Synthie bzw. Orgelsound unterstützt „Temperance“ in seiner hymnischen Entfaltung. „Sparks of Bliss“ macht seinem Namen ganze Ehre und besticht durch seinen elfenhaften Gesang: sehnsüchtig, romantisch, sirenenhaft. In diesem Stück kommt ein Kirchenorgelsound zum Einsatz, der dem Titel eine tolle Dramatik gibt. Als Einschub fungiert ein fast klassischer Synthieblubberpart, der sich toll an den Orgelpart heranschmiegt. Im nächsten Track „Shine Your Light on Me“ ist der Einsatz von stimmverändernder Technik z.B. Echo zu hören. Der Titel hat eine höchst hypnotische Wirkung. Die Synthiesounds klingen satt und organisch analog. Es folgt „Underneath the Fading Twilight“ mit Schallplattengeknister und Trompeten als Einstieg. Ich korrigiere: Es könnte auch ein Grammofonknistern sein. Sehr spannend ist hier der doppelt gesetzte Gesang, der sich mit dem Rhythmus und dem Cembalo in eine steigernde Dramatik umspielt. Eine kleine Kammermusik gefällig? „Ephemerality“ ist die kleine Nachtmusik für alle zauberhaften Wesen, die diesem Album lauschen. Diese dürfen nun von düsteren Schlössern träumen, von Feen und anderen mystischen Gestalten, die geladen von Bianca Stücker zum großen Ball der Fantastik erscheinen, während sie in der Mitte am Cembalo wahlweise thront und sich alles im Tanze wiegend um sie wirbelt. Diese Musik aus den Jahrhunderten wird mit Sicherheit nicht nur ein kurzes Aufflackern erleben.

Fazit: Ein „das geht nicht“ oder „das passt nicht“ scheint es für Bianca Stücker nicht zu geben. So fügt sie Genres zusammen, die gefühlt keine Verbindung miteinander haben. Das zeigt wiederum sehr eindrücklich, dass erst die Grenzen im eigenen Kopf ver- schwinden müssen, um etwas wirklich Neues, Geniales zu schaffen. Interessant ist, dass die einzelnen Klanggemälde Bilder vor dem geistigen Auge erschaffen. Es ist auch nicht verwunderlich, wenn ein Multitalent wie Bianca Stücker zudem noch mit synästhetischen Faktoren spielen kann, so wie sie mit ihren etlichen Berufen als Künstlerin für Kirchenmusik an den Instrumenten Orgel, Cembalo, Flöte und Hackbrett. Außerdem ist sie noch Tänzerin, Schriftstellerin und Tätowiererin. Neben ihren musikalischen Ambitionen lehrt sie Gesang und Tanz in ihrem Studio 52. Um die Sache rund zu machen, legt sie noch dem wissen- schaftlichen Siegel auf ihr Tun mit ihrer Promotion über elektronische Musik im Gothic Genre. Wer Spaß daran hat, mit seinen Ohren auf Entdeckungsreise zu gehen, ist mit diesem Album wunderbar bedient, und alle anderen auch, die neugierig sind auf ein neues Universum der Klangräume.

Tracklist:

01 The Other Me
02 In the Midst of Life
03 Something to Remember
04 Automat
05 The Glass Coffin
06 In the Parlor
07 La Pascualita
08 The Thief
09 Temperance
10 Sparks of Bliss
11 Shine Your Light On Me
12 Underneath the Fading Twilight
13 Ephemerality

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VÖ: 17.11.2017
Genre: Elektro
Label: Equinoxe Records

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