U96 – Reboot (CD-Kritik)

U96

Mit ihrer hypnotisch-magischen Techno-Version des Kinofilm-Soundtrack-Klassikers „Das Boot“ hat die Hamburger Band U96 mit den Köpfen Hayo Lewerentz und Ingo Hauss in den frühen Neunzigern Musikgeschichte geschrieben. Jetzt kehrt das Songwriter/Produzententeam mit einem neuen Doppel-Album an die Öffentlichkeit zurück: „Reboot“ erscheint am 29. Juni 2018 und umfasst 17 neue Songs (plus acht weitere Nummern auf der Bonus-CD), mit vielen unterschiedlichen Facetten und spektakulären Gästen wie NDW-Star Joachim Witt, ex-Kraftwerk-Schlagzeuger Wolfgang Flür und Soulsängerin Terri B!. Mehr als zehn Jahre sind seit dem letzten U96-Album „Out Of Wilhelmsburg“ (2007) vergangen, die Zeit war also reif für ein aktuelles Lebenszeichen. (Quelle: PromotionWerft)

Die erste CD enthält einige interessante Kollaborationen mit sehr unterschiedlichen Musikern. Die Soulsängerin „Terri B!“ verleiht dem Titel „Angels“ einen typischen 90er Jahre Sound a la „Rhythm Is a Dancer“ von Snap!, doch die musikalische Umsetzung des Elektrosounds ist teilweise düsterer als erwartet. „Zukunftsmusik“ mit Robert Führ (ex-Kraftwerk) lässt die Roboter von „Kraftwerk“ mit den typischen Robotervoices und den Retro-Synthiesounds dieser Zeit wieder auferstehen. Das klingt trotz des Rückbezugs auf die Anfänge der elektronischen Musik dennoch futuristisch. Zusammen mit „Joachim Witt“ entstand „Quo Vadis“. Wieder ein komplett anderes Thema und Bezug zu einem anderen Genre. Das ist ein brachialer, dunkler Titel und die charakteristische tiefe Stimme des Musik-Urgesteins tut das ihre, einem die Gänsehaut über den Rücken zu jagen. Diese Art sich musikalische Elemente verschiedener Genres anzueignen verfolgen U96 weiter. Als sanfter Synthie-Popsong erscheint „60 Seconds“ mit hypnotischen Einsprengseln und einem irrwitzig quäkenden Synthie-Gitarrensound. Auch „Losing Our Time“ wurde der Odem des Synthiepops eingehaucht, aber kredenzt mit ungewöhnlich modulierten Sounds. „Contact Machines“ stibitzt ein wenig EBM-Flair und überrascht mit einem sanft schwebenden Einschub, denn nach einem Break wird dieser Titel zu einer Ballade. Eine Reminiszenz zum Genre „House“ erbringt U96 in „I Say Brain“. Technoide Sequenzen und Klangexperimente erfüllen „Timelapse“ mit pulsierenden Leben und treibend, hypno- tischem Rhythmus. Ebenso das „Hildebrandslied“, das wiederum völlig ungewöhnlich mit althochdeutschen Textsequenzen eines Heldenliedes aus dem 9. Jahrhundert versehen ist. „Supernatural“ kommt direkt aus der Chill-Out-Lounge und groovt locker vor sich hin im Offbeat. Dem schließt sich „Snow Brain“ an, das an sich etwas rhythmisch wirr ist. Eine Dosis Trance verleiht „F……Camera“ etwas berückend hypnotisches trotz oder gerade wegen des Stakkato-Maschinengewehr-Sounds.

CD2: Die Tracks „Blood Of The Rose“, „Dark Matter“, „Human Cosmic“, „Run With It“, „Planet Earth“ und „Abhörstation“ stammen komplett von der im Jahr 2015 veröffentlichten EP „The Dark Matter“. Sie lassen hören, woran „Reboot“ intentional anknüpft: eingängige und doch experimentelle, tanzbare, elektronische Musik. „Human Cosmic“ gibt es neben der Originalversion noch in einer zweiten, chilligeren Version mit viel Vocodereinsatz. „Zukunftsmusik“ wurde von „Radar“ geremixt, das dadurch mehr Hall und spacige Sounds bekam.

Fazit: Das Album gehorcht dem Prinzip des 90er Jahre Techno-Eklektizismus: Man nehme ein bisschen hiervon, ein bisschen davon und mische daraus was Neues, egal woher es kommt, Hauptsache es klingt cool. So irrlichtern Einflüsse aus sehr unterschiedlichen Genres und „Zeitalter“ der elektronischen Musik zwischen den Takten herum, ähnlich wie in einer Ausstellung über die Geschichte der elektronischen Musik. Für U96 sind musikalische Grenzen nicht existent und sie lassen sich nicht beirren, genau das in ihre Musik einzubauen, was (ihnen) passt, Spaß macht und der Atmosphäre des Stückes zuträglich ist. Dabei sind etliche Stücke mit Aha-Effekt herausgekommen, die alles andere als stumpfsinnig den Beat durchstampfen, sondern verspielt mit den verschiedensten Elementen umher jonglieren, was sich auch an der Auswahl der mit ihnen zusammen- arbeitenden Beteiligten auf diesem Album zeigt. Das ist mutig, einen Hauch irrwitzig und deswegen auch spannend zu hören, was dabei herausgekommen ist.

Tracklist:

CD1

01 Intro
02 Angels (feat. Terri B!)
03 F……Camera
04 Zukunftsmusik (feat. Wolfgang Flür)
05 60 Seconds
06 Monkeys
07 Contact Machines
08 I Say Brain
09 Losing Our Time
10 10 Timelapse
11 Hildebrandslied (feat. Wolfgang Flür)
12 Quo vadis (feat. Joachim Witt)
13 Heart of Light
14 Supernatural
15 Snow Brain
16 Another World
17 Art of Reboot

CD2

01 Blood of the Rose (feat. Skadi L.)
02 Dark Matter
03 Human Cosmic
04 Run With It
05 Planet Earth
06 Abhörstation
07 Zukunftsmusik (Radar Mix)
08 Human Cosmic (Mellow Mix)

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VÖ: 29.06.2018
Genre: Electronic
Label: Believe Digital Gmbh (Soulfood)

U96 im Web:

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