Stunde Null – Alles voller Welt (CD-Kritik)

Stunde Null

„Manchmal ist Scheitern das Beste, was passieren kann. Denn jedes Scheitern kann ein Neuanfang sein. Man muss ihn nur als solches Erkennen. Das haben die Jungs geschafft und mit Stunde Null zur richtigen Zeit ein neues Projekt aus dem Boden gestampft. Grundsolide, ungeschönt und kritisch geht es hier abwechslungsreich und kraftvoll zur Sache. Drei Jahre Schaffenszeit haben sich hier definitiv gelohnt. Hoffentlich trägt dieser Neuanfang dauerhaft Früchte und wir hören die Stunde Null noch öfter schlagen.“ So hab ich im April 2018 über Stunde Null geurteilt. Und verdammte Axt hab ich mich gefreut, als nur knapp ein Jahr später das zweite Album angekündigt wurde. Mit „Alles voller Welt“ erzählen die Süd- tiroler neue Geschichten aus dem Leben und feiern sich und ihre Musik.

„Wir sind bei dir“ ist der Opener, welcher schon als Single veröffentlicht wurde und mit einem beeindruckenden Musikvideo unterlegt wurde. Ein Song für alle, die es schwer haben von der Gesellschaft akzeptiert oder ernst genommen zu werden. Für alle die Leiden müssen, unter Mobbing oder Unterdrückung. Dieser Song zeigt deutlich – wir sind bei dir – du bist nicht alleine. Starke Worte und ein starker Song gleich zu Beginn. Knallharte Gitarren leiten „Du brichst mich nicht“ ein. Hier zeigen die Jungs, was sie können – und zwar die volle Bandbreite. Mit ordentlich Druck vom Schlagzeug wird der Song vorange- trieben und bekommt zu gegebener Zeit kurze Verschnaufpausen, nur um danach melodisch wieder Vollgas zu geben. Experimentell und mit einer ordentlichen Portion Autotune startet der namensgebende Track „Alles voller Welt“. Es dauert aber nicht lange und man bekommt die Gitarren um die Ohren gehauen. Ein Refrain der einen voll in seinen Bann zieht und für eine absolute Ohrwurmgarantie sorgt. Ein mehr als gelungener Song, der nicht alles, aber unfassbar viel richtig macht. Mindestens genauso gut, aber dabei ganz anders präsentiert sich „Engel im Exil“. Gefühlvoll und melancholisch bietet der Song Abwechslung und Gänsehautgarantie, die so schnell nicht nachlässt. Bei „Augen auf die Nacht beginnt“ erklingen nur die ersten Töne und schon bin ich begeistert. Ein ordentliches Tempo zieht sich durch den Song und der flott gesungene Text schafft es dennoch verständlich, zu bleiben und einen durch den Track zu ziehen, als wäre es geschmolzene Butter. „Unser Weg Richtung Horizont“ kann vor allem durch musikalische Tempowechseln und perfekt darauf abgestimmten Gesang punkten. Auch die Wechsel zwischen Klargesang und leicht gescreamten Passagen funktioniert hier ziemlich gut und kann auf ganzer Linie überzeugen. „Nein aus Liebe“ ist dabei die perfekte Mischung aus Gefühl und Power. Ein nachdenklich stimmender Text, gepaart mit immer wieder kehrenden musikalischen Höhepunkte muss sich auf keinen Fall verstecken. Kramt die Paragraphen raus, jetzt wird es kompliziert. Nein – eher im Gegenteil. „Nur mein Gesetz ist mein Gesetz“ hat nicht nur einen merkwürdig klingenden Titel, auch der Song ist irgendwie nicht wirklich das gelbe vom Ei. Die Abmischung wirkt teilweise unüberlegt, der Text harmoniert stellenweise nicht mit den Instrumenten und immer wieder wird man durch merkwürdige musikalische Wendungen aus dem Rhythmus gezogen, der sich danach nicht mehr so richtig finden und aufbauen möchte. Das scheint aber nur ein kleiner Ausreißer gewesen zu sein, denn schon in „Wunden der Zeit“ wurde zu alter Stärke zurückgefunden. Zwar kein Kracher, aber dafür solide und gut abgestimmt. Es folgen wieder einige experimentelle Einflüsse zu Beginn von „Zieh los“. Der Song bewegt sich eher in seichteren Gewässern, bekommt aber in seinem Verlauf einen musikalischen Tiefgang, der tief ins Herz geht. Ein gefühlvoller Song, der genau die richtigen Worte findet. „Die Arche gibt es nicht“ ist dann wieder ein Musterbeispiel an Abwechslung und Rhythmuswechsel, die so überraschend gut harmonieren, dass man den Song unbedingt mehr als nur einmal hören möchte. „Das wird unser Denkmal sein“ kann sich, glaube ich nicht so wirklich entscheiden, was es sein möchte. Elektronisches Experiment, Rocksong, oder doch lieber ein gescreamter Schlager? Ich kann es nicht so wirklich definieren. Ich möchte den Song nicht schlecht reden, aber hier fehlt mir leider jegliche Richtung. Den Abschluss macht „Unsere Tränen in deinem Gesicht“. Eine wundervolle Ballade zum Abschluss, die beim Hören richtig viel Spaß macht. Der hintergründliche Beat zieht einen schön durch den Song, der Gesang gibt Halt und das Zusammenspiel der Instrumente klingt einfach nur hervorragend.

Fazit: Ich weiß nicht, ob ich mit zu hohen Erwartungen an dieses Album gegangen bin, ob die Vorfreude zu groß war, oder woran es liegt, aber ich kann mit diesem Langspieler nicht warm werden. Ich bin tatsächlich etwas enttäuscht. Ich hatte auf ein bisschen mehr Power und Rock gehofft. Ein bisschen mehr Schlagzeug und kräftigere Gitarren. Hier hat man keinen Deutschrock, sondern eher deutsche Texte mit stellenweise Rockeinfluss. Aber immerhin bietet das Album einige Songs, die für sich stehen können, die es dann doch noch rausreißen können und es auf die eine oder andere Playlist schaffen.

Tracklist:

01 Wir sind bei dir
02 Du brichst mich nicht
03 Alles voller Welt
04 Engel im Exil
05 Augen auf die Nacht beginnt
06 Unser Weg Richtung Horizont
07 Nein aus Liebe
08 Nur mein Gesetz ist mein Gesetz
09 Wunden der Zeit
10 Zieh los
11 Die Arche gibt es nicht
12 Das wird unser Denkmal sein
13 Unsere Tränen aus deinem Gesicht

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VÖ: 28.06.2019
Genre: Deutscher Metalcore
Label: Rookies & Kings

Stunde Null im Web:

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