Castle Rock XX – Endlich wieder normale Leute! (Festivalbericht)

Castle Rock XXManche Dinge dauern etwas länger. Wenn es am Schluss doch funktioniert, ist es umso schöner. Und wenn es so großartig wird wie das Castle Rock XX am 1. und 2. Juli 2022 im Schloss Broich in Mülheim an der Ruhr, dann hat sich die lange Wartezeit gelohnt! Nach der pandemie- bedingten Durststrecke lechzten alle Fans nach einem Castle Rock Festival im Schlosshof, so wie das bis vor vier Jahren eine schöne Gewohnheit war. Die vergangenen Jahre lehrten uns, dass nicht alles so einfach und selbstverständlich ist, wie wir manchmal denken. Nachdem der Schlosshof 2019 wegen Sanierungsarbeiten geschlossen war und deswegen kurzerhand das Near Castle Festival ins Leben gerufen wurde, durfte nun endlich das Castle Rock sein 20-jähriges Jubiläum feiern und das vor ausverkauften Rängen.

Der erste Festivaltag begann mit dem Österreicher Trio Krankheit, die den schon anwe- senden und laufend neu eintreffenden Zuschauern ihre deutsch gesungenen Dark Metal-Tracks wie „Zerberus“ entgegen schmetterten. Als nächste am Start waren Thanateros, die Folk-Metaller, die ihre „On Fragile Wings“-Tour zum gleichnamigen Album, welches im ver- gangenen März erschien, hier eröffneten. Nach zwei früheren Auftritten in den Nullerjahren und einer Band-Pause von knapp 10 Jahren war dies der dritte Auftritt von Thanatheros im Schlosshof.

Beim Soundcheck zur Show der Dark Rock-Band Beloved Enemy, teils in neuer Besetzung, stimmte der Frontmann Ski King kurz „Take Me Home, Country Roads“ an und das Publikum sang den Klassiker gleich mal bestens gelaunt im Chor zu Ende – ja, auch das ist die vielfältige Schwarze Szene! In den Texten von Beloved Enemy werden unter anderem ernsthafte Themen wie der Verlust von geliebten Menschen angesprochen. Dies war noch nicht der letzte Auftritt des gebürtigen Amerikaners Ski King an diesem Wochenende. Ich war bei diesem Konzert schon von seiner außergewöhnlichen Stimme und seiner Bühnen- präsenz fasziniert. Der Song „The Other Side“ performte er im Duett mit Felix Stass von der nachfolgenden Band Crematory.

Anschließend standen die Gothic-Metaller Crematory auf der Bühne, dies war nicht ihr erster Auftritt in Mülheim. Sie gaben Tracks wie „Tick Tack“ und „Rest In Peace“ zum Besten. Für den letzten Song startete Felix eine spontane Publikumsabstimmung, ob dieser in Englisch als „Tears Of Time“ oder „Tränen Der Zeit“ auf Deutsch gesungen werden soll. Nun wurde es schwierig, da die Voten der Zuschauer völlig gleich verteilt waren. Schlussendlich wurde es die deutsche Version.

Lord Of The Lost, die Dark Rock-Headliner des ersten Abends sind gerade gut beschäftigt. Am Vortag standen sie in Zürich auf der Bühne und schon 24 Stunden nach dem Castle Rock in Köln, beide Male als Special Guest von Iron Maiden, mit denen sie auf Tour sind. Der Ereignisse noch nicht genug, streikte ihr Bus kurz vor dem Ziel. Nichtsdestotrotz haben sie es zum Schloss Broich geschafft. Mit „Priest“ ging es los und es dauerte nicht lange, bis der ganze, gut gefüllte Schlosshof im Takt mithüpfte. Chris Harms und die ganze Truppe lieferten eine mitreißende Show ab, bei der „Under The Sun“ genauso für Stimmung sorgte wie „Six Feet Under“. Als Zugabe durfte natürlich „La Bomba“ keineswegs fehlen. Mit vielen tollen Eindrücken in Ohren und Herzen zogen die Besucher nach dem ersten Festivaltag hinaus in die Nacht.

Der Samstag beim Castle Rock XX wurde heiß! Nicht nur wegen der Pyro, die bereits in der Mittagshitze bei Ingrimm gezündet wurde. Die Regensburger Mittelalter-Metal-Band war zwar etwas dezimiert, da Stephan, der Bassist, krankheitshalber passen musste. Dies hin- derte Uli, Alex, Hardy und Funsl aber nicht daran, den Anwesenden mit Stücken wie „Ich Bin Ein Mann“, „Hängt Ihn“ und „Himmel Und Hölle“ einzuheizen. Höllisch ging es auch gleich weiter, denn Hell Boulevard betraten bestens aufgelegt die Stage. Mit „Zero Fucks Given“ und „Bitch Next Door“ lieferten sie eine coole Dark Rock-Show ab. Die Laune auf und vor der Bühne sowie auch die Temperatur stiegen immer weiter an, aber trotz der Hitze wurde kräftig gefeiert.

Eine einzigartige, kraftvolle Stimme zwischen kratzig und sanft, in Kombination mit Country und Rockabilly, das sind Ski’s Country Trash. Da ich als Schweizerin nicht gerade zu den Locals gehöre, war mir diese Band bisher kein Begriff, sie wurde jedoch schnell zu meiner Entdeckung des Festivals. Ski King hatte nun seinen zweiten Einsatz an diesem Wochenende und der hat mich noch mehr beeindruckt als derjenige vom Vortag. Nebst dem ruhigen „Holding On“, das von den dunkleren Momenten im Leben handelt und weiteren eigenen Tracks, lieferten sie mit „Ace Of Spades“ und „Hurt“ zwei bekannte Songs in eigener Interpreta- tion ab.

Die Sonne brannte heiß in den Schlosshof, sodass dieser sich nach jedem Konzert ziemlich schnell leerte, da fast alle Gäste sich in den Schatten verzogen. Natürlich waren sie jeweils rasch wieder zurück, so auch für Vlad In Tears, die nicht nur „Mary“ besangen, sondern auch eine mitreißende Show ablieferten, die sie mit „Feed On Me“ beschlossen.

Female-Fronted Gothic Metal erwartete die Fans bei Aeverium. Dies ist zwar so nicht ganz korrekt, da Vanessa und Marcel sich den Gesangspart teilen. Mir gefiel vor allem die Kombination aus seinem Sprechgesang und ihrer Stimme bei „The Other Side“. Mit „Home“ oder „My Farewell“ ging der begeisternde Gig weiter.

Joachim Witt’s Auftritt begann mit „Rübezahl“, gefolgt von „Dämon“ und einem nach eigener Aussage noch gut gelaunten Künstler. Nachdem Herr Witt sich gerne bei seinen Darbie- tungen auch mal etwas kapriziös gibt und es liebt, sich unbeliebt zu machen, entpuppte sich diese Show, was seine Laune betrifft, als recht gemäßigt. Bei „Die Flut“ und der Zugabe „Goldener Reiter“ war das Publikum ebenfalls bester Stimmung, lauthals am Mitsingen.

Die Headliner des Samstagabends, die Hard Rocker Lordi aus Finnland, ließen es richtig krachen! „Dynamite“ war auch gleich das Motto des Abends. Laut und hart gingen die Eurovision Song Contest-Gewinner von 2006 ans Werk und rissen die Menge vor der Bühne mit. Mr. Lordi, mit seiner Stimme wie ein Holzhacker aus den finnischen Wäldern, inter- agierte immer wieder mit den Zuschauern, teilweise sogar in einigen Brocken Deutsch. Passend zu „Hug You Hardcore“ hielt live auf der Bühne zwischen zwei Lordi-Songs, eine Dame aus dem Publikum um die Hand ihres Liebsten an. Dieser nahm den Antrag am und ich glaube nicht, dass dies nur daran lag, dass er gerade von Reptiloiden und Monsterpup- pen umgeben war … Ob mit seinen großen, aufklappbaren Fledermausflügeln oder einfach im Monster-Kostüm mit den hohen Plateauschuhen, Mr. Lordi ist der geborene und sehr beeindruckende Frontmann. Zusammen mit seiner Band bot er eine absolut sehenswerte Show und mit „Hard Rock Hallelujah“ den gelungenen Schlusspunkt beim Jubiläums-Castle Rock.

Fazit: Die Atmosphäre beim diesjährigen Castle Rock XX war schlicht grandios. Die Bands waren alle bestens gelaunt, gerade weil es für einige der Künstler der erste Auftritt nach den beiden COVID-Jahren war, und das Publikum genoss es sichtlich, endlich wieder feiern zu können – oder wie der langjährige Veranstalter und das Herz des Castle Rock Festivals, Michael Bohnes es ausdrückte: Endlich wieder normale Leute!

(Bericht & Fotos by Monika Müller)

  • weiter Bilder folgen!

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