Acretongue – Ghost Nocturne (CD-Kritik)

Acretongue

Sieben Jahre hat Nico J. gebraucht, um den Sound und die Form eines Nachfolgers für sein brillantes Debütalbum -Strange Cargo- (2011) zu finden. Nun erblickt der lang erwartete Nachfolger -Ghost Nocturne- im Februar 2019 das Licht der Welt, und das Album kann die hohen Erwartungen erfüllen spielend. -Hypnotisch- ist das erste Wort, das einem in den Sinn kommt, wenn man die Reichweite und Wirkung der Musik Acretongues beschreiben will, aber -Ghost Nocturne- verzweigt sich von dort in verschiedene Gebiete. Langsam, stetig, vorsichtig erweitert Nico J. sein musikalisches Spielfeld. (Quelle: Pressetext)

Der „Abacus“, der Taschenrechner vergangener Zeiten, mag zur Hilfe genommen worden sein, um eine unerquickliche Berechnung verschwendeter Lebenszeit anzustellen. Zutiefst schwermütig schlägt „Abacus“ einen Weg ein, dem das Album folgt. Die nächtlichen Stunden durchwacht und damit verbracht, die Stunden, Minuten, Sekunden zu zählen. Das „Requiem“, bezeichnet die Messe für die Verstorbenen, hängt sich an die Melancholie seines Vorgängers an, aber mit schnellem Beat und mehr Druck. Wie in allen anderen Titeln ist die Stimme der ruhende Pol, die Klammer der in sich variationsreichen Musik. Die Vocals bleiben stets ruhig, gemäßigt in einem eher gesprochenen, geflüsterten Ton. Das gibt dem Album diesen schwebenden Charakter einer durchwachten Nacht. In „Endling’s Call“ umspielen sich die Rhythmuslinien weich und doch trocken und dynamisch. Der „Endling“ ist der letzte Überlebende, der hier ruft — keiner hört ihn. Das Bild verzweifelter Einsamkeit manifestiert sich zwischen dem hektischen, Herzklopfen auslösendem Beat und des elegischen orgelähnlichen Sounds. Das Instrumental „Nocturne I (Dawn Crimson)“ lässt eine etwas andere Klangfarbe hören als die drei vorherigen Stücke. Die Welt hält für einen kurzen Moment den Atem an. Klavier und kalte technische Sounds werden kombiniert mit einem Ton, der wie ein Echolot klingt. „Contra“ enthält einen überraschend ansteigenden Optimismus, eine gewisse Leichtigkeit, als sei die Bedrückung der Dunkelheit überwunden. Es setzt einen Gegenpunkt gegen die erschöpfte Müdigkeit, die unterschwellig in den ersten drei Titeln mitschwingt. „Contra“ entwickelt sich zu einem beschwingten Synthiepop Track. „Nightrunner“ beginnt mit Grillenzirpen und darüber dröhnt es düster, der schnelle Takt der Hi-Hat verbreitet gereizte Hektik. Doch fährt der Titel seine Geschwindigkeit immer wieder drastisch runter und driftet ins Sphärische. Richtiggehend aggressiv und bissig ist „Minutia’s Curse“. Dahinter steckt die Verlorenheit im Irrgarten der Kleinigkeiten, die die Nacht beschweren. Zum Ende löst sich die polternde Schwere in erlösende Leichtigkeit auf — wiederum begleitet von einem Klavier. Die „Nocturne II (The Drowning Hour)“, das zweite Instrumentalstück erklingt voll und klar wie eine sternenklare Nacht. Dieser Track ist samtig weich inszeniert. Ebenso weich und fast genüsslich breitet sich der Klangteppich von „Haven“ aus. Der Gesang ist stärker verfremdet mit mehr Effekten unterlegt, was den Eindruck von Entrücktheit noch verstärkt. Der Titel entfaltet sich in epischer Breite und bringt als Oase die erhoffte Erlösung aus der nächtlichen Schwere.

Fazit: Das Cover-Artwork ist bemerkenswert: Eine Blume geformt aus Vogelfedern oder ein Vogel, der zur Blume mutiert? Als in viele Richtungen begabter Künstler schuf „Nico J.“ das eigene Artwork für sein drittes Album. Für das Gelsenkirchener Label „Dependent“, bei dem er seit seinem zweitem Album „Strange Cargo“ unter Vertrag steht, entwarf er ebenfalls Artworks. Darin verschmelzen Menschen, Blumen, Tiere, Gegenstände miteinander und wirken organisch und wie natürlich verbunden. Diese Grundeigenschaft findet sich auch musikalisch wieder. Die Klangwelt „Acretongues“ fließt ineinander über, verschmilzt und transformiert sich zu einem überirdisch anmutenden, organischen Ganzen. Das ist eine Freude für diejenigen, die mit allen Sinnen genießen und Musik nicht nur hören, sondern erfühlen. Das Klangspektrum ist speziell und ungewöhnlich — bei näherem Hinhören. Da sich alles wohlabgestimmt ineinanderfügt, wirken sie nicht fremd, sind aber oft außergewöhnlich designt. „Nico J.“ nahm sich sieben Jahre Zeit, diese wundervollen Klanggebilde während seiner nächtlichen Schlaflosigkeit einzufangen. Das Warten hat sich gelohnt: Das Album ist wahrhaftig ein eigenes Lebewesen geworden: ein nächtliches Lebewesen aus Klängen und Sprache und einer eigenen Seele.

Tracklist:

01. Abacus
02. Requiem
03. Endling’s Call
04. Nocturne I – Dawn Crimson
05. Contra
06. Nightrunner
07. Minutia’s Curse
08. Nocturne II – The Drowning Hour
09. Haven

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VÖ: 01.02.2019
Genre: Electronica / Industrial / Dark Ambient
Label: Dependent Records

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