Die Toten Hosen – Laune der Natur (CD-Review)

Die Toten Hosen

5 Jahre war es still um die Toten Hosen – zumindest was Studioalben anging. Nach „Ballast der Republik“ wurde den Fans der Düsseldorfer die Wartezeit mit der „Krach der Republik Tour“ verkürzt während derer auch das gleichnamige Livealbum entsandt und im November 2013 veröffentlicht wurde. Nun melden Sie sich diesen Mai mit „Laune der Natur“ zurück auf dem deutschen Musikmarkt. Schon länger schwebt das böse Wort „Kommerz“ über den Veröffentlichungen der Toten Hosen. Nach Stadion- hymnen wie „An Tage wie diesen“ gab es viele negative Kommentare von eingefleischten Punk- fans, die die „Hosen“ eben nicht mehr zu diesem Genre zählen. Dabei ist vollkommen egal, dass „Ballast der Republik“ zum Besten Album seit „Opium fürs Volk“ zählt. Der neue Silberling „Eine Laune der Natur“ hatte also von vorherein keinen leichten Start. Nach der ersten Singleauskopplung „Über den Wolken“ waren die Gemüter eher noch aufgebrachter als beruhigt. Die Hoffnung stirbt aber bekanntlich zuletzt und deswegen sollte man „Eine Laune der Natur“ zumindest eine Chance geben, denn manches ist doch besser als erwartet.

Mit „Urknall“ versetzten uns die „Hosen“ nostalgisch, aber ruppig zurück auf den Fußball- platz. Nostalgisch, sowohl vom Text und den besungenen alten Tugenden und Zeiten her als auch musikalisch mit schnelle sowie verzerrte Gitarrenriffs. „Alles mit nach Hause“ kommt da deutlich ruhiger und poplastiger um die Ecke. Daran ändert auch ein kurzer Scream vor dem Refrain leider nichts. Wir machen eine kleine Weltreise vom Vatikan über Mexico bis nach Detroit. Campino besingt seinen Beutezug von Eindrücken, die er mit nach Hause genommen hat und einem oftmals mehr geben können, als materielle Errungenschaften. Ein schöner Gedanke, der durch das Lied führt und einem viel gibt. In „Wannsee“ bekommen wir ganz kurz den Eindruck die heimatverliebten Düsseldorfer hätten sich neu verliebt – in Berlin! Oder genauer gesagt, in Berlin-Wannsee. Zugegeben, das Wortspiel „Wannsee – wann seh ich dich wieder“ ist nicht das kreativste und relativ schnell enttarnt, passt aber zu dem fast schon reggaeartigen Hintergrundgedudel. Am Ende werden Rheinlandfans aber nicht verwirrt zurückgelassen, denn die Pointe kommt immer zum Schluss – „Sag doch einfach nur ja, und ich schwöre dir, ich nehm dich mit nach Düsseldorf“. Zu „Unter den Wolken“ kann man sich viele Meinungen bilden. Auf jeden Fall ein Song mit Chartpotential. Die eine oder andere Spitze zur aktuellen politischen Lage können sich die Jungs zwar nicht verkneifen, aber ansonsten kommt die erste Singleauskopplung sehr gediegen daher. Mit „Pop & Politik“ nehmen sich die Hosen selber ein bisschen aufs Korn. Dass man mit Musik die Politik weder beeinflussen noch verändern kann, ist den Punkoldies mittlerweile klar geworden, aber die eine oder andere Spitze gegen Kritiker und Obrigkeit konnte man sich wohl nicht verkneifen. Damit nimmt das Album auch langsam Fahrt auf und mit „Laune der Natur“ wird rhythmisch auf uns heruntergeschaut. Denn im Endeffekt sind wir auch nicht mehr als das. Wir hinterlassen unsere Spuren auf der Welt, was sowohl positiv als auch negativ sein kann. Ein bisschen Selbstironie, ein bisschen Umweltaktivismus, irgendwie wird alles und gleichzeitig nichts angesprochen. Durch „Ba ba ba ba“ Gesänge werden wir den folgenden Track „Energie“ gezogen. Die Einfachheit des Textes sorgt definitiv für Ohrwurmgefahr und Mitgrölpotenzial. Ansonsten kommt der Song zwar punkig aber leider auch ziemlich flach daher. Bei „Alles passiert“ dürfen die Feuerzeuge gezückt werden! Eine Ode an das Ende – kein Happy End – sondern an ein Ende, das genauso geschehen soll. Melancholisch wird von der großen Liebe Abschied genommen, aber nicht ohne gegen Ende immerhin einen winzigen Lichtblick in die Zukunft zu werfen. Alles was passiert, passiert nicht grundlos und manchmal ist es schwer diese Tatsachen zu akzeptieren, aber mit diesem Song fällt es definitiv nicht mehr ganz so schwer! „Die Schöne und das Biest“ machen wir, zumindest musikalisch, einen Ausflug in den Wilden Westen. Das bringt etwas Abwechslung in die Sache und frischt das Album ein bisschen auf. Mit „Eine Handvoll Erde“ wird dem ehemaligen Manager der Toten Hosen Jochen Hülder gedankt und ein wunderschönes Denkmal gesetzt. Sein Tod hat die Musiker schwer getroffen und zu diesem wunderschönen, gänsehaut- bringenden Song bewegt. „Wie viele Jahre (Viva la Muerte)“ ist ein ironischer Rückblick auf die Bandgeschichte – Anfang 20 gab es noch Bier und Groupies, mit 40 dann Champagner und andere, mehr oder weniger, legale Substanzen und jetzt nur noch Biosnacks. Sich selbst nicht zu ernst nehmen, das können die Hosen und das macht Spaß. Schnelle Gitarren, Campinos Stimme, die man aus Tausenden heraushören könnte – „Wie viele Jahre“ ist ein typischer Hosensong! Im „ICE nach Düsseldorf“ huschen wir durch zwei Minuten schrillen Gitarrensound und hören uns humoristische Gedankengänge zum letzten Wunsch vor dem Ableben an – kann man machen, muss man nicht – sollte man aber! Auf seine ganz eigene Art ist dieser Song wunderbar gute Laune bringend und das trotz des traurigen Inhalts. Vielleicht ist aber auch genau das die Intention dahinter. Kaum haben wir den ICE verlassen, betreten wir das „Geisterhaus“. Wieder ein ruhiger Song, sanfte Gitarren im Hintergrund und ein nachdenklicher Text, über die Vergangenheit, die ein mittlerweile verlassenes Haus in sich trägt, wie viele Geschichten sich hier abgespielt haben. „Lass los“ bringt gegen Ende noch einmal Schwung in das Album und sagt uns, dass ein Schlussstrich nicht immer schlecht sein muss. Manchmal muss man Geliebtes loslassen, um neu anzufangen! Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. „Kein Grund zur Traurigkeit“ ist die Hommage an Ex-Schlagzeuger Wolfgang „Wölli“ Rohde, dessen Tod die Düsseldorfer schwer getroffen hat. Deswegen ist diese Ballade von und für ihn. Das Original vom Album „Das ist noch nicht alles“ wurde neu eingespielt, aber die Original Gesangsspur von „Wölli“ wurde belassen. Nur im Chorus singt Campino leise im Hintergrund mit. Ein herzzerreisender Abschied, der genau ins Schwarze trifft. Damit haben die Hosen alles richtig gemacht!

Fazit: Eine andere bekannte deutsche Band fragte mal „Ist das noch Punkrock?“ In diesem Fall muss man leider sagen: Nein! Zumindest nicht nur. Es ist in gewissen Teilen ein bisschen von allem. Ein bisschen Punk, ein bisschen Rock, ein bisschen Pop und ein bisschen Melancholie. Das ist aber okay. Die Toten Hosen von 2017 sind nicht mehr die gleichen die 1996 mit „Opium fürs Volk“ polarisiert haben. Auch ist das Album eines der unpolitischsten, die bisher von den Hosen auf den Markt gebracht worden. Aber auch das ist okay. Jeder weiß mittlerweile, für welche Werte die Düsseldorfer eintreten. Alles in allem ist „Laune der Natur“ ein gelungenes Album. Nicht perfekt – aber grundsolide und „dem Alter entsprechend“. Eine Band verändert sich im Laufe ihrer Karriere und das schaffen die Hosen mit Bravour! Ein Album, das definitiv in keinem CD-Regal fehlen sollte, auch wenn man manch ältere Scheibe vermutlich eher hört.

Tracklist:

01 Urknall
02 Alles mit nach Hause
03 Wannsee
04 Unter den Wolken
05 Pop & Politik
06 Laune der Natur
07 Energie
08 Alles passiert
09 Die Schöne und das Biest
10 Eine Handvoll Erde
11 Wie viele Jahre (Hasta La Muerte)
12 ICE nach Düsseldorf
13 Geisterhaus
14 Lass los
15 Kein Grund zur Traurigkeit

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VÖ: 05.05.2017
Genre: Rock
Label: JKP (Warner)

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