OST+FRONT – Adrenalin (CD-Kritik)

OST+FRONT

OST+FRONT melden sich mit einem lauten Knall zurück. Seit 2008 agiert die umstrittene Truppe um Sänger Patrick Lange (Herrmann Ostfront) schon. 10 Jahre sind eine lange Zeit. Eine Zeit voller Provokation, ehrlicher Musik und ordentlich Lärm. Ihr erstes Album „Ave Maria“ schlug schon hohe Wellen, die durch die Folgealben „Olympia“ und „Ultra“ nur größer wurden. Mittlerweile steht eine stramme Fanbase hinter der Berliner NDH-Macht. Und es wird Zeit, das Zehjährige gebührend zu feiern!

Am 16.02.2018 steht Album Nummero 4 auf dem Plan. Es nennt sich „Adrenalin“ und das vorveröffentlichte „Arm und Reich“ legt schon gut grob Zeugnis darüber ab, in welche Richtung es gehen werden könnte. In unserem Fall liegt mir eine Doppel-CD Variante vor mit insgesamt 17 Titeln. Wie die klingen, erfahrt Ihr jetzt. Es geht auch direkt los mit dem Herz- und Titelstück „Adrenalin“. Wie man es erwarten würde, wird hier auch zu Werke gegangen. Knallender NDH, die perfekte lyrische Beschreibung der Wirkung von Adrenalin. Natürlich darf auch die typisch hymnische, an russische Folklore erinnernde Stelle nicht fehlen. Diese lässt den Opener ausklingen. „Heavy Metal“ würde man jetzt namentlich nicht unbedingt erwarten, aber Hermann war früher in einer Metal Band tätig und ist selbst großer Fan dieses Genres. Textlich geht es allerdings um etwas anderes. Insgesamt gehen die Jungs mal musikalisch und stimmlich anders vor. Epic Speed Metal-mäßig klingt es, wie da zu Felde gezogen wird. Mutiges Projekt, welches aus meiner Sicht geglückt ist. Die „Disco Bukkake“ ist ein weiteres so genanntes F***lied der Band. Gewisse Elemente von „Fiesta de Sexo“ fließen hier auch mit ein. Hier zeigt sich, wer Humor hat und offen für solche Zeilen ist. Ich finde die Zeilen sehr witzig und als musikalische Siesta mal eine nette Abwechslung. „U.S.A.“ ehrt die Nintendo-Fraktion, denn gewisse Klangkonstrukte fließen da ein wenig mit ein zu Anfang. Der Rest geht in Richtung „Blitzkrieg“ und „Freundschaft“. Nur verschärfter. Der „Puppenjunge“ ist dann richtig schön düster schaurig. Der verstorbene Götz George und seine Rolle in „Totmacher“ werden hier geehrt. Besonders der Aufbau des Refrains. Gerade da zeigt sich das, was die Band in ihrem Sektor so einzigartig macht. Pfeilschnell, dröhnend, ordentlich Lärm und Dreck, der aufgewirbelt wird. Das ist die „Blattzeit“. Hundertpro ein Brett, das es ins Live-Programm schaffen wird und musikalisch eines der derbsten und schnellsten Bretter bisher der Band. Rein musikalisch natürlich, lyrisch gibt es etliche so Bretter. Das eingangs erwähnte „Arm und Reich“ gibt sich danach die Ehre. Die Kluft zwischen Beiden wird immer tiefer. Immer mehr geht es bergab. Viele kraxeln am Existenzminimum herum. Danke an Ost+Front, dass sie das hier aufgegriffen haben! Was mit „Klassenkampf“ auf „Ultra“ anfing, wird hier vertieft und deutlich formuliert. Zu „Böses Mädchen“ muss man gar nicht viel sagen, erklärt sich selbst. BDSM, Dominanz, Unterwerfung. Ehrung der Herrin. Vielen wird das Lied alleine schon musikalisch nicht so taugen. Die strenge Lyrik wird in sehr witzige Melodien gepackt. „10 Jahre Ost+Front“ feiern wir danach. Mir persönlich würde das Lied besser gefallen würde es sich nicht so an den Böhsen Onkelz orientieren. Ein feines Geschenk an die Fans und alle Supporter. Jedes Ost+Front Album hat ein ganz besonderes Schätzchen an Bord. Auf „Ultra“ war es der „Siebenbaum“, hier ist es das „Edelweiß“. Hört mal rein, lohnt sich! Ein wenig erinnert es auch an „Volksmusik“, ebenfalls auf dem letzten Album vertreten. Direkt ins Herz trifft „Hans guck in die Luft“. Man hört ganz deutlich heraus, dass sich Hermann viel mit dem Thema Selbstmord beschäftigt hat. Das belegt gerade diese Perle. Der Text rührt beinahe zu Tränen und bricht einem das Herz. Vielleicht regt es dazu an, mal anders über so etwas zu denken. „Du gehst mir unter die Haut“ ist eine Ballade an die Körperkunst schlechthin: Tattoos! Vor allem beschreibt es perfekt, was ein Tattoo aus- macht. Deutlich derber wird es bei „Alte Liebe“. Wie in „10 Jahre Ost+Front“ beschrieben, behandeln Ost+Front gerne menschliche Abgründe. Und erweitern gerne ihren Horizont. Beides vereint dieses Lied. Welch widerlicher Abgrund in diesem Fall!

CD 2 wird durch „Ich will alles“ eingeleitet. Auch hier fließen teilweise neue Elemente ein. Coole Lyrik, eingepackt in derbes Geschrupp! Teuflisch wird es dann mit dem „Bluthund“, der keifend hungrig nach Beute giert. Aus vertraulichen Quellen weiß ich, dass Hermann „Rosenkavalier“ nicht mag, deswegen ist der Track auf CD 2. Es ist mal was anderes und sicher „schwächer“ als die anderen Lieder der CD. Aber why not. Was cooles hat das Teil trotzdem. Dafür gibt es mit „Willenskraft“ ein umso stärkeres Finale! Gewaltig, ein neues Klangelement, neue Gesangsqualitäten und zu 100 % Ost+Front!

Fazit: Was die Jungs über die letzten 3 Alben begonnen haben, verfeinern sie auf dem neuen Werk! Ausgereift, „erwachsener“, provokanter, geballter treten sie auf und scheuen nicht vor neuen Elementen, Klangexperimenten und einer großen Portion Ironie gepaart mit viel Witz. Man darf die Texte nicht immer hundertpro für bare Münze nehmen. Aber eine ihrer Stärken ist, dass man spürt, wann sie es ernst meinen. Und wo gehobelt wird, fallen nun mal Späne. Ost+Front wären nicht Ost+Front, hätten sie keinen Spaß am Schocken und Provozieren. Letztendlich packen sie nur das in Musik und Text, was der menschliche „Verstand“ so ans Tageslicht bringt und was überall passiert. Der Quell allen Übels liegt also in der menschlichen Psyche.

Tracklist:

CD1

01 Adrenalin
02 Heavy Metal
03 Disco Bukkake
04 U.S.A.
05 Puppenjunge
06 Blattzeit
07 Arm und Reich
08 Böses Mädchen
09 10 Jahre OST+FRONT
10 Edelweiß
11 Hans guck in die Luft
12 Du gehst mir unter die Haut
13 Alte Liebe

CD2

01 Ich will alles
02 Bluthund
03 Rosenkavalier
04 Willenskraft

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VÖ: 16.02.2018
Genre: NDH
Label: Out of Line

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