IAMX – Unfall (CD-Review)

IAMX

IAMX melden sich zurück! Seit 2004 begeistert uns der englische Musiker Chris Corner, der unter anderem als Gründungsmitglied der Band Sneaker Pimps bekannt geworden ist, nun schon mit seinem faszinierenden Solo-Projekt, mit dem er in regelmäßigen Abständen neue Werke veröffentlicht. Zuletzt erschien 2015 das Album „Metanoia“ gefolgt von dem massiven Album- nachschlag „Everything Is Burning (Metanoia Ad- dendum)“ im September 2016. Ein „reguläres“ neues IAMX-Album ist für Januar 2018 geplant. Jetzt ist jedoch für Mastermind Chris Corner erst einmal die Zeit ge- kommen, auch seine instrumentale und abstrakte künstlerische Seite auszuleben.

Am 22.09.2017 kommt nun mit „Unfall“ das erste einer Reihe experimenteller Alben auf den Markt und eines ist von vornherein gewiss: ein „Unfall“ wird es definitiv nicht! Wie die musikalischen „Schmerzen“ klingen, erfahrt Ihr jetzt. „Little Deaths“ macht den Anfang. Und überrascht schon mit den ersten Klängen, denn es wird bitterkalt mit extrem unterkühlter Elektronik. Techno-mäßg wabert der Sound aus den Boxen und mischt sich mit Kranken- haus-ähnlichen Sequenzen. Genial gemacht! Spannender Opener! Es bleibt spannend mit „TickTickTick“. Man spürt richtig, wie einem, während man der genial verzweigten Elektronik lauscht, wie die letzten Stündlein schlagen. Das Leben hängt am seidenen Faden. Unheimlich und nahegehend zugleich. Leider immer noch ohne Gesang, aber man spürt, worum es geht. „Hysteria“ schafft es, diese gruselige, ergreifende, düstere Atmosphäre aufrecht zu erhalten und setzt sogar noch einen drauf. Einem richtig kranken Horror-Film scheint die Szenerie, der Sound zu entspringen. Raffiniert, ausgeklügelt, genial, mystisch. „Running Point“ lässt sich in Worten gar nicht komplett erfassen. Ihr müsst es gehört haben. Freaky, abgespaced, teilweise düster. Einfach IAMX pur! Chris Corner wie er leibt und lebt! „Trust The Machine“ passt natürlich auch super in die Album-Thematik. Sich der Maschine anvertrauen, die einem am Leben hält. Bis heute insgesamt eine sehr umstrittene Thematik. Entnimmt man auch sehr gut der musikalischen Umsetzung. Allgemein: man sollte nicht allzu sehr auf Maschinen vertrauen, genügend Blockbuster belegen das, etliche Szene-Bands berichten uns in ihren Liedern davon. „The Noise Cabinet“ ist der perfekte Name des nächsten Erzeugnisses. Heiter, fröhlich trifft auf freaky, verzweigt. Einfach nur genial, das Klang-Kabinett! „Cat´s Cradle“. Die Wiege der Katze. Der Katze Wiege. Richtig poetisch. Das ist auch die hier erklingende Perle. „Mirtazapine“ ist der dumpfe Stampfer, der dich aus einer verschwitzten Club-Ekstase holt und den du hörst, wenn du nach dieser Nacht in der U-Bahn nach Hause sitzt. Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln dich und tun deinen Augen weh, aber dennoch empfindest du es irgendwo als wunderschön. Genauso verhält sich dieser Song. Übrigens zählt dieser Stoff zu den Antidepressiva. Heißt im Umkehrschluss, dass die „Freude“ dir suggeriert wird. „Polar I“ hätte wunderbar auf „Metanoia“ gepasst, vom Stil und vom Klang her. So kommen wir Odin sei Dank jetzt in den Geschmack und genießen es in vollen Zügen. Man spürt direkt die Kälte des Polar, man sieht die Polarlichter vorm geistigen Auge, die sich rhythmisch den Klängen anpassen. Wunderschön! Der nächste Track rüttelt uns unsanft wach und erzählt eine witzige Geschichte über den „TeddyLion“. Interpretation liegt ganz bei Euch, lasst Eurer Fantasie freien Lauf! „11.11“. Auf die Nachtzeit gesehen die Einläutung der dunklen Stunde. Eine Stunde vor Mitternacht. Die Träume kriechen aus ihrem Schacht und bereiten sich auf Euch vor. Tim Burton wird hier aber mehr als geehrt. „The Disease To Please“ erklärt sich von selbst und ist eine DER Club-Nummern der Platte. Hier darf sich bewegt werden! Der Name ist schon alleine flüssiges Gold im Gehörgang! „Windschatten“. Wieder ein Soundtrack-verdächtiges Teil. Einen direkten Soundtrack hatte Herr Corner ja bereits bei „Wir sind die Nacht“ (Wir erinnern uns mit Freuden an „Nightlife“). Auch diese Perle hier hat das Potenzial dafür. Hört selbst. Richtig grandioses Finale!

Fazit: Vorab angekündigt wurde, dass es ein experimentelles, instrumentales, elektronisches Werk wird. Und ich muss sagen: er hat es perfekt beschrieben! Genau das ist es geworden und auch, wenn es etwas ganz Neues im IAMX-Kosmos ist, so ist es doch Meister Corner pur! Alle Eindrücke, Emotionen, Gedanken des Meisters spiegeln sich hier wider und Gesang wird eigentlich nicht gebraucht. Die Emotions- und Thematikpalette ist riesig und ohne Wort wird direkt vermittelt, was Sache ist. Das ist Kunst meine Lieben. Dies ist ein Werk, das man nicht nur hört. Man fühlt es. Man ist von der ersten Sekunde an sofort dabei, mittendrin. Im Idealfall denkt man darüber nach, so wie ich es hier tat. Ich überlasse es ganz Euch. Das ist das Wundervolle an Musik: Grundthematiken sind da, der Rest läuft über das entsprechende Publikum. Fest steht, dass hier ein wunderbares, spannendes Werk entstanden ist. Bei mir wird es lange nachklingen.

Tracklist:

01. Little Deaths
02. TickTickTick
03. Hysteria
04. Running Point
05. Trust The Machine
06. The Noise Cabinet
07. Cat’s Cradle
08. Mirtazapine
09. Polar I.
10. TeddyLion
11. 11.11
12. The Disease To Please
13. Windschatten

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VÖ: 22.09.2017
Genre:
Label: Caroline / Universal

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