Cradle of Haze – Sirenen (CD-Review)

Cradle of Haze

Nach einer vierjährigen kreativen Pause meldete sich das deutsche Gothic-Rock-Projekt Cradle of Haze, welches im Jahr 2000 vom Produzenten und Songwriter Thorsten Eligehausen gegründet wurde, mit neuem Material zurück. „Sirenen“, so betitelt das Duo den Nachfolger vom 2013er-Album „Ungemach“, der vier- zehn brandneue Stücke umfasst und am 15.09.17 über darkSIGN Records erschien.

„Mit `Sirenen` wird die bisher erfolgreiche Cradle of Haze Geschichte weitererzählt. Das Album verarbeitet teils persönliche Erfahrungen, teils gesellschaftskritische Aspekte, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind“, so Eligehausen, der kreativer Kopf von Cradle of Haze.

Mit „Kinder der Nacht“ führt uns eine getragene Gothic Rock Nummer in das düstere Universum von Cradle of Haze. Mit diesem fetten Gitarrenbrett als tragfähigen Untergrund entschwebt der fragile Gesang des Sängers Thorsten Eligehausen in die schaurige Dunkelheit. Das ist Gothic Rock vom vom düster Feinsten! Ironisch-lakonisch will das „Alphatier“ sich in die Gehörgänge bohren. Das gelingt! Die eingängige Melodie, gepaart mit wirklich treffenden Text und der druckvolle Gitarrensound bleibt schnell hängen. Dieser Titel war eine gute Wahl als Vorabauskopplung. Cradle of Haze finden ihre Ideallinie auch mit akustischer Gitarre durch „Kein Ideal“ in die Wehmut. „Und wieder mal das Herz verloren, und wieder mal den Falschen vertraut …“ ist so schlicht in der Aussage und kommt doch gerade wegen des zurückgenommenen Gesangs ganz intensiv rüber. Dieser feine Song trifft mitten rein ins Herz. Jetzt bin ich genau in der richtigen Stimmung für die Hymne „Sternenlicht“. So ein tödlich schönes Lied! Engelsgleiche Chöre und dieser schwebende Gitarrensound schenken großzügig Wermutstropfen ein. Und wenn am Ende noch die Doublebase einsetzt, nimmt das Drama seinen Lauf. Sanft nimmt der weiche Synthieteppich einen mit in den nächsten Herzensbrecher-Song. Sängerin Annika Meier unterstreicht diesen charaktervollen Titel mit zartem Gesang. „Ohne Dich“: Abschiedsschmerz in höchster musikalischer und textlicher Vollendung. Ein spannender, industrial geprägter Einstieg zeigt den Weg zu den „Sirenen“. Das lang gezogene „Wooooo ist Licht … für mich“ ist ein ungewöhnlicher Eyecatcher. Der gleichnamige Titel zum Album ist eingängig und hymnisch in seinem Charakter. Er hat was entrückt Schwebendes an sich, was die chorische Komposition des Refrains unterstützt — das ist berührend. Ganz anders in EBM Manier darf „Lied 07“ anfangs die Ohren verführen, um in diesem typischen Stilmix der Cradles von NDH, Gothic Rock und industrial/EBM zu münden. „Vagabunden“ ist musikalisch ein typischer, melodischer Metal Song, wenn da nicht dieser brüchige, gemurmelte Gesang wäre, der Cradle diesen speziellen Sound gibt. „Seine Sicht“ auf die Neue Deutsche Härte geben Cradle hier preis. Die Strophe hat was „Rammsteiniges“, doch im Refrain sind sie wieder ganz bei sich: bedrohlich, düster und doch eingängig melodisch. Ein harter Rhythmus und Synthie Voices powern „Seid ihr bereit“ nach vorn. Der Text ist beklemmend, irgendwie klaustrophobisch. Überraschend ist die Einspielung eines ganz altmodischen Synth-Sounds, der wie meine alte Kinderorgel klingt. Cool! Im Keller ist es gar nicht schlimm: „Kellerspiele“. Doch, bei Cradle schon, und dass haben sie klanglich fantastisch umgesetzt. Was man im Keller so alles machen kann? Eine „Lobotomie“ bspw. Das ist eine neurochirurgische Operation, die einst bei schweren psychischen Störungen angewandt und u.a. zur Schmerzausschaltung benutzt wurde. Die Lobotomie steht hier als Sinnbild für den Verlust von „Herz und Seele“ über den Irrsinn toxischer Beziehung. „Du schmeckst so gut“ ist herrlich diabolisch morbide. Kein Liebeslied für Menschen, aber für Vampire und alles andere dunkle Gelichter. Dazu lässt sich fantastisch in vampiresker Melancholie gruseln. Nach der Dunkelheit kommt das Licht in „Hannahs Song“ — eine wunderschöne Ballade aus schwarzsamtiger Romantik mit Thorsten Eligehausens brüchiger Stimme, die so gut dazu passt. Hier handelt es sich um eine Neuauflage des im Jahre 2015 erschienen Songs „Hand in Hand (Hannahs Song)“, der der Geburt ihres Kindes gewidmet ist. Als Gastmusiker wirkte hier Gitarrist Marc Vanderberg mit. Zum Schluss schenken die Cradles ihren Hörern die volle Poesie des Pathos ein. Da werden auch bei den ganz Hartgesottenen die Gesichtszüge weich und wessen Herz da nicht aufgeht, hat es gegen einen Stein einge- tauscht. Ein wirklich schöner Abschluss!

Fazit: Um es gleich vorwegzunehmen, dieses Album ist ein super Wurf mit der bisherigen Mischung aus Gothic Rock, NDH und den Einsprengseln der Elektrowelt. Schöne Melodien zusammen mit dem hohen Drucklevel durch die verzerrten Gitarrenriffs, darüber der nicht ganz perfekte, brüchige Gesang, engelsgleiche Backgroundstimme und dunkeldüstere Romantik verbinden sich zu der wirklich einzigartigen, faszinierenden Klangwelt von Cradle of Haze. Die eigentlichen Stars sind aber die Texte, die trotz oder gerade wegen der Härte der Musik unheimlich intime Momente zaubern. Hart und zart verbindet sich auf diesem Album zu ungewöhnlich nahen, persönlichen Momenten. Ich habe den Eindruck direkt am Herzen des musikalischen Kopfes der Cradles Thorsten Eligehausen zu sitzen und zu lauschen. Ein großartiges Werk, das man nur empfehlen kann!

Tracklist:

01 Kinder der Nacht
02 Alphatier
03 Kein Ideal
04 Sternenlicht
05 Ohne Dich
06 Sirenen
07 Lied 07
08 Vagabunden
09 Seine Sicht
10 Seid ihr bereit
11 Kellerspiele
12 Lobotomie
13 Du schmeckst so gut
14 Hannahs Song

Bestellen: Amazon

VÖ: 15.09.2017
Genre: Gothic Rock
Label: darkSIGN Records

Cradle of Haze im Web:

Facebook